Kanada Report, Teil 18

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Es gibt wieder einiges zu berichten aus der Vorstadt mit dem Kernkraftwerk. Das Kernkraftwerk ist übrigens im gleichen Jahr gebaut worden in dem ich geboren wurde. Das ist wahrscheinlich auch meine schicksalshafte Verbindung mit diesem Schrottort. Ist sehr an den Haaren herbeigezogen, ich geb es ja zu, aber ich versuche wirklich die größeren Zusammenhänge zu verstehen und Aufregung in mein stinklangweiliges Leben zu bringen. Zufällig stieß ich heute auf das Thema Kernkraftwerk, weil ich rausfinden wollte, wer die Leiche war, die unweit vom Kernkraftwerk angeschwemmt und vor zwei Tagen gefunden wurde. Es handelte sich um einen 46 jährigen Mann, der schon seit Ende Dezember 2017 vermißt wurde. Auf der gleichen Seite von den Durham News, sah ich auch eine Petition für die Schließung des völlig veralteten Atommeilers und unterschrieb sie auch sofort. Ich dachte an die ganzen toten Riesenfische die man manchmal am Strand findet. Keine kleinen Fische, nein Atomfische. Das bemerkenswerte an der Seite der Durham News ist, daß auf jedem Foto zu einer Straftat, ein Polizeiauto zu sehen ist. Kommt man auf die Seite von den Durham News (Durham: das ist das Gebiet in dem sich unter anderen auch Pickering befindet) sieht man mindestens drei Fotos mit Polizeiautos. Und ein paar Büsche im Hintergrund. Vielleicht auch noch einen oder zwei Polizeibeamte von hinten. Das sind die Dinge, die einem Menschen mit Langeweile auffallen. Mir fiel auch auf, daß der Nachname von dem Toten, zufällig der gleiche Nachname war wie von dem Inslebenrufer der Petition für die Schließung des Kernkraftwerks. Aber nur der Nachname. Wo wir schon beim nuklearen Thema sind, ich war letzte Woche bei einem Stresstest (trotz oder gerade wegen meines langweiligen Lebens), wo ich aufs Laufband mußte und mir nukleare Flüssigkeit gespritzt wurde, damit man den Grund für mein abnormales EKG findet. Der Arzt versicherte mir, es wäre auf keinen Fall eine gefährliche Dosis, ich schaute ihn nur an und sagte ich hätte keine Angst davor, ich wohne ja schließlich in Pickering.

Pickering, die Stadt in der man von Langeweile krank wird.

Zum Jahreswechsel habe ich eine sehr lange Liste geschrieben, länger als die vom letzten Jahr, weil die Sachen , die ich 2017 nicht getan habe mit auf die 2018 Liste mußten. Allerdings habe ich auch einiges erledigt, was auf der Liste stand. Listen sind sehr hilfreich. Manchmal sind Listen auch listig. Andere wiederum sind lästig.

Der Mindestlohn ist zum Jahresbeginn ist um über zwei Dollar erhöht worden, was leider in meinem Fall dazu führte, daß meine Stunden so gekürzt wurden, daß ich jetzt noch weniger verdiene als vorher. Zeit um was Neues zu machen, Zeit für einen riesengroßen Wechsel auf jedem Gebiet. Alles Neu. Life is too short to be bored. Das ist mein Motto für dieses Jahr. Mein größtes Ziel dieses Jahr ist, Pickering zu verlassen. Aber eine Sache hat sich verändert, ich will nicht mehr unbedingt aus Kanada weg, ich will nur erst mal aus dieser Umgebung weg. Ich träume davon mir einen Bus zu kaufen und durch Nordamerika zu fahren und im Bus zu wohnen. Für eine Zeit einfach nur reisen. Das Problem ist nur, daß ich so eine Angst vorm Autofahren habe. Aber daran kann ich ja arbeiten.

Wegen meiner Arbeitszeitkürzung beschloß ich mir einen neuen Job oder zumindest einen Zusatzjob zu suchen. Ich wurde schnell fündig. Ein Putzjob in Privathäusern. Na, ja, also putzen ist nicht so meine Stärke, aber wenigstens bleibt man fit. Ja, manchmal befinde ich mich in sehr optimistischer und positiver Stimmung. Also schrieb ich der Dame, die die Anzeige aufgegeben hat und traf sie in einer Filiale von Tim Hortons zum Vorstellungsgespräch. Ich sah mich nach einer resoluten, übergewichtigen, mittelalten Dame mit kinnlangem blondgefärbten und leicht ausgewachsenen Ansatz um. So sehen Putzfrauenchefs in meiner Fantasie aus. Ich lag falsch, bis auf die kinnlangen Haare. Die Frau sah aus wie eine Stammkundin von einer Berliner Eckkneipe, war ungefähr 65 Jahre alt und hatte gelbe Nikotinfinger. Eigentlich sah sie aus wie eine Hexe, sie hatte so was in den Augen. Oder eine alte Fee, die einem erscheint und einem komische Prüfungen aufgibt. Sie erzählte und erzählte und erzählte. Sie war sehr nett, machte aber keine gute Werbung für den Job. Sie zahlte nicht mal Mindestlohn, obwohl sie es anders in die Anzeige geschrieben hatte. Sie erzählte mir wie hart der Job ist und daß eine Angestellte von ihr das ganze Geld, daß sie verdient hat für einen Physiotherapeuten ausgegeben hat, weil der Job so auf ihren Rücken ging. Nach dem Treffen ließ ich mir die ganze Sache noch mal durch den Kopf gehen. Ich entschloß mich weiter zu suchen. Was ich allerdings noch nicht gemacht habe. Ich hatte da noch so eine Idee, die ich weiter verfolgen wollte.

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Letztes Jahr habe ich ein Projekt in dem Secondhandladen, in dem ich arbeite, begonnen. Ich fing an meine Mitarbeiter zu fotografieren. Aus Möbeln, Tüchern, Plastikblumen, Vasen und Bildern ect. gestaltete ich die Hintergründe für meine Modelle. Die Modelle trugen ausschlißlich Klamotten aus unserem Laden. Die Fotos sind gut geworden. Fünf davon hängen bereits neben der Kasse, es kommen nächste Woche noch mehr dazu. Ich fragte die Managerin, ob man daraus nicht einen Job kreieren könnte, sie gab mir einen Kontakt. Der Laden gehört zu einer Organisation, die viel Gutes tut, aber auch einen frischen Anstrich gebrauchen könnte, wie zum Beispiel richtig künstlerische und attraktive Fotos. Meine Fotos! In meiner Fantasie reiste ich schon um die ganze Welt mit meinem neuen Job als Fotografin für diese Organisation.

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Heute habe ich den ganzen Vormittag verbracht eine Mail an diese Kontaktperson zu schreiben. Ich fügte die Fotos hinzu und schickte es ab. Hoffnung machte sich breit.

Genau fünf Minuten später erhielt ich eine Antwort. Leider kein Bedarf. Ich dürfte meine Fotos aber gerne auf der Facebookseite der Organisation teilen. Na toll. Sehr großzügig. Hätte sie nicht ein paar Tage mit der Antwort warten können? Ich mag es mit einem Hoffnungsschimmer zu leben.

Aber es ist ja noch nicht aller Tage abend. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Gut Ding will Weile haben. Ein blindes Huhn findet auch ein Korn. Gottes Mühlen malen langsam, aber gerecht. Das letzte Hemd hat keine Taschen.

Also diese alten Oma Sprüche sind doch sehr motivierend. Wobei der letzte mein Lieblingsspruch ist. Über Kommentare mit mehr alten Oma Sprüchen würde ich mich sehr freuen!

Sie geben mir so ein Heimatgefühl. Das gute alte Deutschland! Wo an jeder Ecke ein Bäcker ist. Oder eine Eckkneipe. Nicht, daß ich Eckkneipen mag, ganz im Gegenteil, ich verabscheue sie zutiefst, aber sie gehören einfach zu Deutschland dazu. Mürrische Alkoholiker, die die Kurzen die sie trinken anschreiben lassen und die Wirtin mit dem Vornamen anreden. Und mit Du. Eckkneipen in Deutschland sind so was wie der Inbegriff der Düsternis. Aber man braucht den Kontrast. Bäcker sind der Inbegriff eines guten Starts in den neuen Tag, fröhlich, gutriechend, erfrischend und positiv. Und der Wert des Bäckers wird noch erhöht wenn er in der Nähe von einer Eckkneipe ist. Kontraste machen das Leben bunt. Hier gibt es keine Bäcker und keine Eckkneipen. Hier gibt es nur Fastfoodketten.

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Weihnachten 2017 war sehr reduziert, wir machten einen langen Spaziergang im Schnee, was sehr schön war. Wir waren nur zu viert inclusive unserer Katze Lolita. Dabei hätte es bleiben sollen. Leider ging es nich ganz ohne Zwangsbesuche und bei dem Familienbesuch am ersten Weihnachtstag, der glücklicherweise ohne Geschenkezwang ablief, entzweite ich mich auf völlig lächerliche Weise mit meiner Schwägerin. Das ganze lief sehr unterschwellig ab, aber diese Unterschwelligkeit schwappte über meine Toleranzschwelle. Es war wie ein Sprung in einer Porzellantasse, der erst nicht sichtbar ist, aber plötzlich bricht die Tasse in zwei Stücke und es ist vorbei mit dem Kaffeetrinken.

Die Masken sind gefallen. Es fällt mir schwer, diese Geschichte jetzt nicht ganz ausführlich aufzuschreiben, weil im Nachhinein ist es so lächerlich, daß man drüber lachen kann.Und trotzdem,wenn man sich Streits ganz genau anschaut,tun sich oft Abgründe auf und oft stecken ganz andere Dinge dahinter,als es den Anschein hat.

Überhaupt will ich 2018 nur noch Sachen machen, die ich will und nichts mehr was ich nicht will. Ich will hemmungslos NEIN sagen können, wenn ich etwas nicht will und aber auch bedenkenlos JA, wenn ich etwas wirklich will. Bis jetzt habe ich immer ja gesagt, wenn ich etwas nicht wollte und Nein, wenn ich etwas wollte. Ziemlich bescheuert.

2018 werde ich eine Frau mit Standard. Wie meine Tochter immer so schön zu mir sagt: Du mußt Standard haben. Sie hat so recht. Und die Engel sind auf meiner Seite. Immer wenn ich auf die Uhr schaue ist es entweder 10.10 oder 11.11 oder 14.14 oder 22.22 oder 23.23 oder 13.13 usw. Man sagt, wenn das passiert, sind die Engel ganz nah bei einem. Es ist ganz extrem geworden in letzter Zeit. Seit mein lieber Großvater gestorben ist. Er ist sehr alt geworden, fast 103, und er war ein Mensch vor dem jeder Respekt hatte, weil er sehr freundlich, fleißig und großzügig war. Und auch selbstlos.Ich wäre gerne zu seiner Beerdigung gegangen um mich symbolisch zu verabschieden. Ich werde nie vergessen, wie nett er immer zu mir und meinen Brüdern war. Er ist mit uns in die Berge gegangen und hat Blaubeeren und Pilze mit uns gesammelt. Er hat sehr viel nette Sachen für uns gemacht. Wenn wir Kinder vor dem Fernseher saßen und uns Zeichentrickfilme angeschaut haben, hat er uns immer bedient und uns sehr hübsch dekoriertes, leckeres Essen gebracht. Es war immer wie im Restaurant. Wegen meinem Opa können wir alle Skifahren. Mein Opa war der Held meiner Kindheit. Er sah aus wie ein Schauspieler. Er sah sogar noch mit 100 gut aus. Ich hoffe es geht ihm gut in der neuen Dimension, aber ich mir eigentlich ganz sicher, daß er ein glücklicher Engel ist.

Es gibt noch so viel mehr zu berichten. Wenig Spannendes aus der Außenwelt, aber dafür sehr viel Spannendes aus der Innenwelt, aber ich lasse es für heute. Ich muß ja noch ein paar Überraschungen für mein Buch aufheben, meinen Auswanderer Bestseller Thriller über ein blindes Huhn in Pickering, daß versucht ein Korn zu finden. Wird es erfolgreich sein? Ist das Huhn gar nicht blind, sondern von einem Sonderkommando, das nur mit verbunden Augen operiert, da dadurch andere wertvolle Sinne aktiviert werden? Ist das Huhn gar kein Huhn, sondern ein Ninja? All das wird in meinem Buch beantwortet und noch viel mehr.

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