Kanada Report, Teil 17

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Ein  hungriger junger Coyote auf einem leeren Fußballplatz schaut uns an. Wir glotzen zurück. Ist er wirklich da? Was ist das, ein Wolf? Ein Hund? Nein, es ist ein Coyote. Wow. WAu Wau. Er wendet sich ab und geht. Wir sind nicht interessant für ihn. Natürlich nicht. Wir sind Menschen, so was unsympathisches. Mal ganz milde ausgedrückt. Er wollte ein Kaninchen jagen. Diese Menschen versauen einem alles. Und dann glotzen sie so blöd. Wäre ich mit meinem Rudel hier, würde ich sie anfallen und in Stücke reißen. Aber nicht essen. Nein, liegenlassen. In der scheißkalten Wintersonne verdörren lassen. Den allesfressenden Ameisen zum Fraß geben. Diese Scheißleute. Ich habe seit zwei Wochen nur Mac Donalds Reste aus dem Mülleimer gegessen, und gerde als so ein leckeres Kaninchen fast mein Abendessen wurde, kommen diese Schwachmaten aus dem Gebüsch-

Wir kamen aus einem Waldstück, als ein Kaninchen an uns vorbeiraste. Wir schauten nach links. Da stand er. Hungrig. Und enttäuscht. Des einen Leid, des anderen Freud. Er war das Highlight dieses Winters. Er war das Highlight seit letzten September, als ich das letzte mal einen Beitrag geschrieben habe. Er war das Highlight seit ich in Kanada lebe. Ein einsamer Coyote auf dem Fußballplatz. Auf einem matschigen einsamen Fußballplatz an einem Sonntag im Februar in Kanada. Am Rande einer merkwürdigen kleinen Stadt an einem großen See. Eine richtige Sonntagsstadt. Verstaubt. Etwas unheimlich. Aber nicht spannend unheimlich, eher unangenehm unheimlich. Unheimlich wie ein Haar in der Suppe, die man nur aus Höflichkeit ißt, weil die alte Frau, die sie einem die Suppe gibt leid tut, weil sie wahrscheinlich bald stirbt und dann neben dem matschigen leeren Fußballplatz am Rande der Sonntagsstadt begraben wird. Es ist eine Gemüsesuppe mit Dosengemüse. Erbsen und Karotten. Der Topf war auch nicht sauber. Er wurde nur mit Seewasser ausgewaschen. Die Frau schlurfte zum See in alten Filzpantoffeln und Kopftuch. Sie mußte nicht zum See schlurfen, aber sie hatte vergessen, daß sie fließendes Wasser hat, sie ist ein Opfer der Sonntagsstadt, die Sonntage, die verstaubten Sonntage haben ihr Gedächtnis zerquetscht, weil sie so schwer sind. So schwer wie ihr Gang zum See, in der Hand den dreckigen Kochtopf, sie kommt ans Ufer und taucht den Topf ins eiskalte Sonntagsseewasser in der Sonntagsseestadt. Sie sieht nicht den toten Riesenfisch, der drei meter entfernt im kühlen Sonnenlicht vergammelt. Sie sieht ihn doch, aber sie denkt es ist ihr Nachbar und sagt: Washing the dishes, like in the old times. Der Nachbar ist taub und deswegen wundert sie sich nicht, daß sie keine Antwort bekommt.

Der Coyote schleicht manchmal in ihrem Garten rum. Letzte Notlösung für Hunger. manchmal liegen Pizzareste oder Pommes in ihrem Backyard. Nein es ist kein Garten, es ist ein backyard. Ein Backyard von einer alten Frau. Das sieht so aus. Unaufgeräumt, Holzscheite, ein altes Motorrad, vertrocknete Büsche, ein roter kaputter Sandkasteneimer und Zigarettenstummel, Pommes, Pizzareste. Verwahrlost . Ungemütlich. Trostlos. Die Frau, die eigentlich gar nicht mehr da ist, aber es nicht weiß. Deswegen schlurft sie ja auch jeden Tag zum See und wäscht ihre Töpfe mit dem Sonntagsseewasser und kocht immer die gleiche abscheuliche Gemüsesuppe mit dem immer gleichen Haar in dem immergleichen Zweiteweltkriegs Soldaten Blechteller mit Keramikbelag, der nicht mehr ganz intakt ist.

Der Coyote sieht den Altefrauengeist. Er mag sie. Obwohl er keine Menschen mag. Aber er mag Menschengeister. Sie machen nichts Böses. Ein Menschengeist ist wie ein Bild im Museum. Total harmlos. Aber man schaut es an und sieht eine Geschichte.Coyoten lieben Geschichten. Und in den paar Bruchteilen von Sekunden, als wir ihn sahen übertrug er per Telepathie die Geschichte von dem Altefrauengeist mit der verdammten Gemüsesuppe in mein Hirn.

Und der Grund warum ich empfänglich für Coyoten Telepathie war, ist, weil ich wie die alte Frau dieses blöde Haar in der Suppe nicht los werde. Und weil ich mich wie ein Geist fühle, ich wasche zwar nicht mit Seewasser ab, aber ich wasche das Geschirr von Hand, was ein ähnlich ödes Gefühl in mir produziert, der taube Nachbar ist meine Seele, die sich anfühlt wie ein vergammelter Riesenfisch am Sonntagssee. Und ich habe Gemüsesuppe immer gehaßt, Gemüsesuppe ist für mich so was wie ein verwahrlostes backyard in der Gemüseesuppensonntagsseestadt.

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Am liebsten schreibe ich, wenn ich mich total miserabel fühle. Deswegen sind meine Beiträge auch etwas düster von Zeit zu Zeit.  Was leicht untertrieben ist.  Mein Kanada Report hat sehr optimistisch angefangen Anno 2014 und ist mit jedem Beitrag pessimistischer geworden. Wie ein Psychothriller. Es gibt Menschen die sagen, man muß nur schöne Gedanken haben, dann fühlt man sich auch gut. Das Problem ist nur, daß man wenn man sich schlecht fühlt, einfach keine schönen Gedanken haben kann. Und dann ganz plötzlich, ohne ersichtlichen Grund und ohne diese gewollten schönen Gedanken, fühlt man sich plötzlich besser. Was für mich ein Beweis ist, daß man seine Stimmungen und Gefühle eben nicht einfach so beeinflussen kann mit  Gedanken. Wir sind ja keine Computer. Oder etwa doch? Vielleicht halbe Computer. Man kann sich bis zu einem gewissen Grad programmieren, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Gefühle und Stimmungen kommen bei mir wie Besucher, die ich nicht einlade. Plötzlich sind sie da, machen sich breit und benehmen sich schlecht. Und dann plötzlich ziehen sie sich ihre stinkigen dreckigen Schuhe an und gehen wortlos weg. Und plötlich bin ich  fröhlich und leicht und alles ist gut. Bis zum nächsten Mal. Wo kommen diese Besucher her? Was wollen Sie? Es ist an der Zeit das rauszufinden.

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Schaufensterpuppe (Modell unheimliches Geisterkind) in der Sonntagsseestadt

199 Jahre first Settlement

First Settlement 1789 bis 1998

Die gute Nachricht ist, daß sich momentan keine ungewollten Besucher in mir breitmachen. Und ich fühle mich dementsprechend entspannt. Und das obwohl ich immer noch am häßlichsten Ort dieser Welt wohne, ich mich immer noch nach Schönheit sehne, es viel zu kalt ist für Mai, sogar für Mai in Kanada, es in Strömen regnet und so weiter und so weiter. Endlosliste.

Wenn man nicht an dem Ort ist, wo man denkt oder sich einbildet, daß man dort viel glücklicher wäre, sollte man umdenken. Der Ort ist man selber und man muß in erster Linie bei sich selber ankommen.

Und wenn man gerne bei sich selber ist, kann man auch ganz konstruktiv mit seinen ungewollten Besuchern umgehen. Man sagt freundlich, aber bestimmt: Ich lasse dich gehen. Viel Glück und alles Gute. Denn immerhin haben sie den weiten Weg gemacht, aus dem Land der Unendlichkeit um dich zu sehen. Sie brauchen Hilfe. Du mußt ihnen sagen: Geh zu dir.Da bist zu zu Hause.

Alles Theorie. Die Wirklichkeit sieht anders aus. In Wirklichkeit sollte man mit den Besuchern sprechen. Sie haben nämlich wichtige Botschaften aus dem Unterbewußtsein und sich Dinge schönzureden bringt einen wirklich nicht weiter. Und als Mensch ist man abhängig von seiner Umgebung, außer man ist ein Mönch oder man ist in einer Sekte.

 

 

2017-05-02-08-58-20

Das Leben ist wunderlich, drum wunder dich nicht, wenn ein Wunder wunderlich ist

Genug mit dem Gefasel. Wir haben heute 8 grad Celsius, die Bäume sind erst zu einem drittel grün, meine Katze sitzt am Fenster und starrt auf die vorbeifahrenden Autos, es ist der 7.te Mai 2017 und es ist Sonntag.
Das war es mit der Folge 17, etwas kurz diesmal, dafür aber vollgepackt mit wertvollen Infos. Wie immer. Tschühüss!