Kanada Report, Teil 15

Schreiben.

Was ?

Das.

Was ist das?

Das was ist.Das ist was.

Achso.

Achso was?

Das was!

Achso das.

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Schwitzen im Sebtember.Das Rauschen der Autobahn ist immer noch leiser als meine inneren Stimmen, die wirr sich anschreien, entwirrt werden wollen, entwirrt werden müssen, doch kleben sie wegen der Hitze wie verschweißt zu einem lauten Kauderwelsch.

Erst Hitze,dann Regen

Der Regen macht mich hoffnungsvoll und hoffnungslos zugleich, denn mein Regenschirm ist verschwunden und mein Radarschirm auch. Und so sitz ich da halb liegend mit dem Rücken zur Wand, mein Halt, wünschte ich hätte ein Kissen aus Eis um meine Gedanken eiskristallklar werden zu lassen. Wenn die Seele sich versteckt und man nur noch ein ganz leises Hauchen hören kann, daß aber immer noch lauter ist als der Lärm der rasenden Autos, den Marionettenspielern der Marionetten, die sie dahinrauschen lassen in die verschmutzten Gewässer des öden Alltags. Eintönig, beschleunigt und tot.

Eintönig beschleunigt und tot. Dieser Satz kommt mir so  wahr vor für das moderne Leben.Ganz besonders,seit ich hier lebe.Davon habe ich ja wirklich schon genug erzählt.Zuviel.Obwohl ich nicht beschleunigt bin, aber eintönig und innerlich…,nein ich bin nicht innerlich tot,ich bin traurig über die Eintönigkeit. Solange man noch traurig ist,ist man noch sehr lebendig.

Die Zeit hat die Bedeutung verloren, denn niemand sieht sie mehr. Sie ist weg. Die Zeit ist weg. Sie wollte gehen. Und so verging die Zeit.

Wenn das alles so ist, wenn ich mich in so einem seelischen nach Mitternacht  im Industriegebiet bei 0 Grad und Regen,mit Nassen Schuhen Gefühl befinde, hilft mir meistens nur noch eines, und zwar den ganzen Wirrwar in Worte zu fassen, weil ich, wie alle Menschen mit der gleichen seelischen Störung, niemanden zum Reden habe.Was mich nicht wundert.Das Schweigen ist mein Schutz,die Einsamkeit inzwischen ein Freund geworden,mit dem ich mich wunderbar unterhalten kann.Nur alles ohne Worte.Und nicht wirklich wunderbar.Eigentlich ist es die ganze Zeit ein Streitgespräch.Ich wandle aber das Wort Störung in Strömung um. Hört sich freundlicher mir selber gegenüber an. Ich bin in einer Paralellströmung. Und sie bringt mich an Orte, die seltsam erscheinen. Erscheinen nicht wirklich, sie dunkeln mich an.Sie dunkeln mich ein. Doch wie eine Katze sehe ich im Dunkeln besser.

Ich sehe mich selber auf dem Bett sitzen. Ich sitze neben mir und neben mir sitze ich und daneben sitze ich und daneben sitze ich. Ein Spiegel im Spiegel im Spiegel, und es hört nicht auf.Niemals.Ich habe Angst,daß dieses Gefühl niemals aufhört,dieses nicht rausfinden aus dem Labyrinth der  merkwürdigen Zustände.Dieses Gefühl festzustecken und alles was man hört ist das Echo seiner eigenen Gedanken.Schau dich an und schau in dich rein und schau auch mal wieder raus und vielleicht finde ich mich wieder und kann mich an den Haaren rausziehen aus dem Labyrinth der Verlorenen aus dem Spiegelland.

Ich hatte mich damals auch selber an den Haaren aus dem Spiegelland gezogen und bin in der  anderen Strömung geschwommen.Habe versucht mich anzupassen. Bloß wenn ein Fisch in fremde Gewässer kommt, ist das auch nicht leicht für den Fisch. Also meine Schuppen schillerten in einer gängigerenen Farbe und ich  schien mich strömungsentsprechend zu entwickeln. Es gibt verschieden Gewässer. Es gibt Bergquellwasser, da wo ich herkomme, bin jetzt in dreckigen Seewasser gelandet und will aber ins frische Meerwasser. Das Problem ist: Der See führt nicht zum Meer.

Und deswegen werde ich mich in eine Möwe verwandeln.In meinem Geiste.

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Möwe am St. Lawrence River in Montreal

Ich bin jetzt eine geistige Möwe (warum Möwe? Ich weiß nicht,aber ich fotografiere immer Möwen, ich habe unendlich viele Fotos von Möwen) und bevor ich mich zum geistigen Abflug begebe, schau auf die letzen sieben Monate.Die waren besser als die Monate davor, was eine gute Nachricht ist.

Ich habe mich zusammengerissen und mir fest vorgenommen,daß alles besser wird.Es  ging auch gar nicht anders,es konnte nämlich nicht mehr schlechter werden,subjektiv betrachtet.Subjektiv ist meine Realität und ich glaube nicht,daß irgenein Mensch auf dieser Welt sich und sein Leben objektiv sieht.Das muß ich sagen,wegen der imaginären Schlaubergerkommentare,die  aus der Zukunft auf mich einschallen) Es fing damit an,daß ich mir einen Job gesucht habe. Das habe ich vorher zwar auch schon versucht, war aber noch nicht synchron mit der richtigen Schwingung. Den Job habe ich aber letzendlich zufällig bekommen.Ich hatte ja bereits berichtet,daß wir ständig in Secondhandläden gehen und alles mögliche einkaufen,bevorzugterweise Vintageware.Unsere ganze Wohnung sieht inzwischen so aus wie ein Secondhandladen.Eines schönen Morgens war mir so nach Kram kaufen zu Mute,die Sonne schien ganz wunderbar und ich ging zum Thriftstore von der Salvation Army.Der ist ganz in der Nähe.Ich wünschte mir noch,daß der eine Typ nicht da ist,der dort arbeitet.Weil er stört meinen Flow beim stöbern,weil er mich immer zuquatscht.Er hätte gerne so eine Frau  usw.bla bla bla..halts Maul,du Nervensäge.Ich muß unbedingt englische Porzellantassen  finden.Nach 15 Minuten gebrochenen Englischmonologen von ihm habe ich dann meistens  keine große Lust mehr auf shoppen.Ich blieb trotzdem immer freundlich, auch weil er der einzige Mensch war,der überhaupt mit mir geredet hat.Ansonsten ist nämlich meine Katze der einzige Mensch mit dem ich rede. Vielleicht übertreibe ich ein bischen.Und er hat zwar ein wenig genervt,aber ich fand ihn trotzdem interessant,weil skurile Menschen sind nun mal interessant.Typ:nette Nervensäge. Er war ein Verkehrspolizist auf einer Karibikinsel, bevor er ins schöne Pickering zog um einen Sklavenjob bei der Heilsarmee zu machen.Heilsarmee hört sich so doof an auf deutsch.Auf englisch hört es sich ganz anders an:Salvation Army. Hat einen heroischen Klang.Trotzdem,wenn das nicht ein Griff ins Klo ist.Na ja,so läuft das hier für viele.Außerdem,was rede ich.Ich war ein Mensch in Berlin bevor ich hierherkam,jetzt bin ich eine Möwe an einem verseuchten See.

Und das ist etwas total Starkes,wenn ich so drüber nachdenke. Ich bin ein Survivor.Im Sinne von Bergsteiger und Schneesturm.Bergsteigen ist ja etwas freiwilliges,auch zwanghaftes und gefährliches,wegen Naturgewalten ect. und wenn man dann überlebt,dann ist man stolz.Wäre man nicht auf den Berg gestiegen,hätte man nichts erlebt,vielleicht Fernsehen geschaut,einen Film über Bergsteiger z..B.

An diesem schönen Morgen erzählte er mir,daß sie jemanden einstellen wollen und er würde ein gutes Wort für mich einlegen.So bekam ich den Job. Inzwischen bin ich über drei Monate dort.Bevor ich dort angefangen habe,hatte ich auch ein paar andere Dinge in Bezug auf Jobsuche unternommen.So bekam ich einen kleinen Modeljob für eine russische Fotografin.Sie fotografierte Jane und mich auf Fahrrädern vor der Bücherei in Pickering.Ein anderes Mal mußte ich Bürochefin spielen.

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Bei meinem Kleinanzeigenstudium  stieß ich auf eine Anzeige,in der Künstler gesucht wurden für Gemälde mit Politikern.Ich antwortete auf die Anzeige und schickte einen Link mit meiner Webseite. Letzendlich bekam ich den Auftrag,der einer war ,wo man nur vielleicht was verdient.Ich malte 3 Bilder mit Putin und Trump als Liebespaar,so lautete mein Auftrag.Irgendwie hat mein Auftraggeber aber dann das Feuer für die Aktion verloren und sich keine Mühe gegeben die Bilder zu verkaufen.Was aber nicht so schlimm ist, nicht so schlimm,aber schade ist es trotzdem

Wenigstens habe ich mich mit etwas beschäftigt und wer die Bilder gerne kaufen möchte,kann mich kontaktieren.

Trotzdem,obwohl mir die Sache von Anfang an komisch vorkam,hatte ich trotzdem 20 prozent Hoffnung,daß ich endlich meinen großen Durchbruch habe.

Nochmal zu meinem Auftraggeber,der schon ein bemerkenswerter Typ ist. Er ist Rechtsanwalt,arbeitet als Arbeitsvermittler fürs Arbeitsamt und zu der Zeit,als ich noch Kontakt mit ihm hatte,war er gerade in einem langwierigen Bewerbungsprozess für einen Job als Spion bei der Regierung Kanadas.Ich frag mich was draus geworden ist.Ich fand die Kombination aus Spion und Geschäftsmann mit zweideutigen Politikerbildern sehr originell.

Donald Trump,Vladimir Putin, political paintings

Halloweendeko im Salvation Army Thriftshop

Ganz kurz im Schnelldurchlauf .Unser Frühling/Sommer 2016: Es gab viel Sonne und keinen Regen. Zu der  Eintönigkeit des Ortes gesellte sich noch die Eintönigkeit des Wetters. Ich habe meine permanent residence bekommen  (in Kanada ein Grund glücklich zu sein)und eine Krankenversicherung(noch ein grund glücklich in Kanada zu sein). Wir waren eine Woche im Urlaub,endlich mal raus aus diesem Pickering,  erst in Montreal, da wo Kanada sich zur lebenslustigen Französin verwandelt,wo wir uns mit Waschbären vergnügten, ich much versehentlich mit Tequila bis zum Umfallen besoff,dann im Norden Ontarios, in Mattawa,einen hübschen Ort mit Wildwest Goldgräbertown Atmossphäre,dort wo dein Schwiegersohn dein Bruder ist und deine Mutter deine Schwester und dein Kind dein Großvater. Dort  sind wir Kanu  auf dem Ottawa River gefahren und haben nach Bären Ausschau gehalten.Ansonsten haben wir nicht viel gemacht, was aber nicht langweilig war. Unlangweiliges nichtstun. Und vor allem immer draußen sein, keine Autos hören, ich fühlte mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mehr wie ich selber.Ansonsten waren wir bei einer Hochzeit,Peters Cousine hat ihren langjährigen Freund,einen Politiker aus Toronto geheiratet. 

Ich habe ihnen ein Bild zur Hochzeit geschenkt,weil ich ja grad beim Thema Politikerbilder war.

Wir waren auch bei einer Beerdigung in Montreal,bei der heitere Stimmung herrschte,da die Beerdigung ein halbes Jahr nach dem eigentlichen Tod stattfand.Nur als wir gingen,und ich zurück aus Grab schaute,tat mir die einsame Asche in der Urne leid.Ein Symbol unendlicher Einsamkeit.Blödsinn,weil es ja nur die sterblichen Überreste sind,was ja viel mehr über den Tod sagt,als einem bewußt wird.Peter und ich waren oft am Strand neben dem Atomkraftwerk.Hört sich schlimmer an,als es ist,es war sehr angenehm dort und sehr entspannend.Einmal haben wir unsere Katze mitgenommen.Sie hatte furchtbare Angst aus ihrem Katzentrageding rauszugehen.Sie blieb da drinnen und schaute den Möwen zu.Ich nahm sie raus für ein Familienfoto.

Jane hatte einen schönen Sommer und sie hat endlich Freunde gefunden.Seit sie so viele Freunde hat redet sie sehr komisch englisch.Eigentlich akzentfrei,aber sie redet als hätte sie Kaugummi im Mund und blondgefärbte Haare und als würde sie in der einzigen Bar in Hilliebillie Village arbeiten.Ziemlich filmreif.Sie versucht auch sich anzupassen. Peter  hat einen neuen Job in naher Zukunft, er wird kein Trucker mehr sein,sondern ein Gabelstaplerfahrer,was obwohl es sich nicht so anhört, hier in Kanada ein Superkarrieresprung ist.Das gute daran ist,daß er jetzt immer nach Hause kommt und ich nicht die ganze Woche Truckerwitwe bin, die an der Autobahn lebt und denkt:What the hell did I came for? 

Ich habe auch Pläne,ich plane Geschirr wegzuschmeißen, weil ich nicht gerne abwasche ,weil abwaschen ultraöde ist und weil eine Hand aus der Spüle kommt und mich ins Spiegelland zieht,in denen körperlose verlorene Seelen an ihrer Hoffnungslosigkeit ersticken.

So schlimm finde ich Abwaschen. Und das ist nicht übertrieben.Geschirrspülen ist ein Symbol des überflüssigen Überflusses von überflüssigen Zeug.

3 Personen,3 Tellerchen,Gabelchen und Löffelchen und so weiterchen.Wie bei Schneewitterchen

Sonnenuntergang in Mattawa

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Chillende Waschbären auf dem Mont Real

 Ich will da nicht mehr hin,aber ich bin schon drinnen. Ich suche dort was. Habe etwas vergessen, denn  die andere Strömung ist  auch nicht mein Ort und ich  muß meine Seele finden die ich  im Spiegelland gelassen habe,weil sie mich genervt hat. Ich hole sie da raus und nehme sie mit,weil eine nervende Seele ist besser als keine Seele.Und wenn ich noch weiter drüber nachdenke, muß man sein Leben so leben,daß es gut für die Seele ist.Und dann nervt sie auch nicht mehr und man nimmt sie gerne mit.Immer und jederzeit.Und dann fliege ich mit ihr dahin wo der Windgott wohnt und das Wasser wild und lebendig ist. Soviel ist sicher.

gleise

Das war das.

 Detailliertere Informationen gibt es eventuell in meinem Buch, welches im Jahre xxxx erscheinen wird.

Ich sag dann  noch Bescheid.

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