Kanada Report, Teil 11

IMG_7184Der Sommer ist vorüber. Es war sehr stickig. Besonders in unserer Wohnung, die ich aus bekannten Gründen ungern verlasse, da mich draußen die Ödnis erwartet. Eine Ödnis aus Autolärm und Betonklötzen,  Es hat sich nichts geändert, fühle mich immer noch am falschen Platz, der Kulturschock ist chronisch geworden. Besonders nach der Eklipse vom 27. September ist auch etwas in mir wieder ein wenig finsterer geworden. Leider war es sehr bewölkt an diesem Abend.Genau bis zu diesem Tag war es immer sehr warm und sonnig und fast wolkenfrei. Aber genau an diesem Tag war es bewölkt. trotzdem haben wir drei Stunden in den Himmel gestarrt, denn ab und zu hatte sich die Wolkendecke gelüftet und man konnte für ein paar Sekunden den Mond sehen.

Davor hatte es fast so ausgesehen, als würden sich etwas verbessern, ich hatte Mut geschöpft, hatte endlich wieder ein bischen Drive in meinem Leben, aber seit dem Blutmond blutet meine Seele wieder und ich fühle mich einer Realität ausgeliefert, die einem Straflager in Sibirien gleichkommt. Natürlich nur gefühlsmäßig. Was sind schon Gefühle.Sie sind alles und einerseits leide ich ab und zu unter extremen Beklemmungen, die mich nachts mit Herzrasen aufwachen lassen, andererseits fühle ich mich einfach nur leer und absolut gefühlsfrei. Nicht absolut. Ich bekomme zwischendurch abstrakte Wutanfälle. Ich denke innerlich ganz laut: du blödes langweiliges ArschlochKanada.Das ist echt zum Hobby geworden. Meine Tochter Jane und ich picken uns manchmal einfach so willkürlich fremde unschuldige Menschen raus und lästern ganz furchtbar über sie. Bevorzugter Weise schwerfällige Verkäufer. Einfach weil es Spaß macht und wir gerne zickig sind.“ It is not appropiate as a mother to talk like this with your daughter“( kanadische Stimme im Ohr). Gutes Lästerthema ist auch der Religionsunterricht in Janes katholischer Schule. Es ist einfach schon unglaublich was die armen Kinder sich da anhören müssen. Zum Beispiel:“Wenn man nicht Jesus in sein Herz läßt, kommt man in die Hölle!“ Das erzählt die Religionslehrerin ihren Zehntklässlern. Sie sollte sofort in die Hölle kommen, die dumme Suppe! Jawoll!  Hobby bricht wieder durch .Manchmal sitze ich hier vor Panik gelähmt und will einfach nur wieder nach Europa, was mir wie das Paradies auf Erden erscheint. Hallo Nadelbäume, ihr dämlichen Riesenseen und Scheiß rote Blätter im Herbst ich hasse euch! Ich leide unter säuerlichen Schimpftiradenattacken. Ich brauche unbedingt ein neues Hobby.

20150720_154352Dieses Foto spricht mehr als 100 Worte. Man sollte sich die Menschen im Vordergrund wegdenken, ich lächle scheinbar happy, wie ich das immer auf Fotos mache und dann denken alle, daß ich glücklich bin.Meine süße Tochter gibt sich auch Mühe und meine Schwiegermutter gibt sich ganz natürlich. Aber es geht nicht um uns auf diesem Bild, sondern  um den Hintergrund. Das ist so unglaublich. Wir waren in einem Park an dem abscheulichen verseuchtem Ontariosee mit meinen Schwiegereltern. Sie wollten mit uns spazieren gehen. Sie gingen ca.100 Schritte und das war es. Dann setzten sie sich da hin. In einüberdachtes Picknickareal, wie es ungemütlicher und häßlicher nicht sein kann. Straflagerromantik wohin das Auge reicht.

267Hier ist ein anderes Bild, daß das Kanadagefühl ( bezieht sich auf die Gegend in der wir leben) perfekt abbildet. Zumindest wie ich es fühle. Einsam mit Spiegelbild.Am Ufer des Wahnsinns. Im Nebel der Zukunft.

So jetzt habe ich mich ausgetobt, jetzt berichte ich mal von unserem Sommer. Daß wir eine Katze haben, habe ich ja neulich schon berichtet. Sie ist inzwischen groß und manchmal ein wenig gefährlich. Aber meistens ist sie süß und sie hört auf alle Namen die wir ihr geben. Lolita heißt sie, wir rufen sie Loshi, Lollo, Babykatze, Wildvieh, Azipi pupu,Agrolita ect.ect. Sie ist eben schlau. Manchmal ist sie  übermütig und auch genervt und es tut mir in der Seele weh, daß sie nicht raus kann.Sie sitzt immer am Fenster und schaut sehnsüchtig raus. Dann denke ich mir, wir brauchen noch eine zweite Katze, damit sie wenigstens irgendeinen Spaß hat. Ich kann den Schmerz und den Frust meiner Katze spüren.Deswegen spiele ich ganz viel mit ihr. Aber ich bin halt keine Katze, obwohl ich kratzbürstig und launisch bin.

20150904_165334Wir waren für vier Tage im Urlaub. Dort mieteten wir ein vergammeltes aber funktionelles Cottage in Honey Harbour von Bekannten meiner Schwiegereltern. Es war wirklich schön dort, und wir wurden an drei von den vier Tagen von anderen Bekannten meiner Schwiegereltern  im Boot rumgefahren. Ein Freund von Jane war aus Berlin angereist und verbrachte zwei Wochen mit uns.Unsere Katze war auch dabei und sie saß die ganze Autofahrt über brav auf meinem Schoß.

Das Bild unten zeigt einen Platz, an dem wir einen ganzen Nachmittag verbrachten, auf heißen Steinen rumlagen, uns einmalig von den Stromschnellen haben mitreißen lassen und jenseits der Stromschnellen schwommen. Sehr schöner Platz und wir sahen sogar eine Riesenschildkröte mit Drachenschwanz. Und eine Schlange.Hinterher erfuhren wir, daß es dort normalerweise nur so von Schlangen wimmelt.Sie liegen auch auf den heißen Steinen rum. Wir hatten Glück an diesem Tag.

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IMG_6948Wir machten auch noch einen Ausflug zu den Niagarafällen.Hier ein paar Bilder von dem legendären Ort.

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So wie sich die Schlangen auf den heißen Steinen tummeln, so tummeln sich Touristen bei den Niagarafällen. Uns zwar von überall auf der Welt..Der Ort der zu den Niagarafällen gehört ist total bescheuert. Blöde Vergnügungsmeile bevölkert von trashigen Touristen. Spielcasino, Geisterbahn, Freßläden, komische Museen, billig Chinashops, Nervfaktor 100 prozent. Aber am Wasser ist es schön, den „Walk behind the Falls“ muß man nicht unbedingt mitmachen, aber auf der Platform so ganz nah am Wasserfall war es schon nett. Ansonsten steht man eine Stunde an und geht dann durch einen Tunnel mit zwei Miniöffnungen und der Platform eben. Im Tunnel hängen Bilder mit der Geschichte der Niagarafälle. Also wer denkt, Niagarafälle  Naturschauspiel mitten in der Natur, der denkt falsch. Es ist ein Naturschauspiel inmitten der Touristenindustrie.

Wir schauten uns diesen Sommer auch mal die Toronto Islands an. Wenn man in Toronto lebt, sicherlich ein netter Ort zum Entspannen, trotzdem nichts besonderes. Es ist alles ein bischen zu organisiert, zu wenig naturbelassen. Verglichen mit der Pfaueninsel in Berlin schneiden die Toronto Islands nicht so gut ab,es fehlt der Zauber. Da Schönste daran ist die Fahrt mit der Fähre.  Überhaupt kann man Toronto nicht mit Berlin vergleichen. Es gibt ein paar nette Stellen, aber nachdem man 10 mal dort war, möchte man nicht noch mal hin. Es fehlt das Gefühl, die Atmosspähre, die Geschichten, die Poesie.Hauptsächlich ist es häßlich dort. Aber von weitem sieht es gut aus. Auf den ersten Blick allerdings nur.

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Ich war sogar in der TAG, der Toronto Art Gallery. Eine herbe Enttäuschung, besonders die Etage mit der kanadischen Kunst. Ich habe noch nie in meinem Leben so deprimierende Bilder gesehen. Ehrlich. Die Bilder waren ganz genau so wie ich es hier empfinde. Ich bin also nicht alleine mit meinen Empfindungen. Das Gebäude selber allerdings ist toll und es gibt auch laufend wechselnde Ausstellungen, die ich an dem Tag allerdings nicht gesehen habe,

Interessant ist es auch wenn man mit Leuten spricht, die irgendwann mal nach Kanada gekommen sind und wenn man sie fragt, wie sie es hier finden. OHH, the first 13 years were terrible./ I was crying for one year/I just hated it the for four years, now I love it(plem plem oder was?/I still cry when I go outside because it is so ugly.

Das nur für alle die denken, ich sei eine negative Schlampe, denkt es ruhig weiter, ich bin nur froh, daß ich nicht damit alleine bin. Aber 13 Jahre werde ich nicht hier durchhalten.

Und wenn man mit Leuten spricht, die hier aufgewachsen sind hört man folgendes: It is the best country of the world ( andere Länder kennen sie nur aus den Nachrichten), I don’t want to live anywhere else( sie können auch nicht weg, weil sie es sich nicht leisten können), the people are so nice here ( perfekte Roboter)It is so safe here( wegen den ganzen Terroristen auf dem Rest der Welt) Canada has such a good health system, everybody is insured( ist totaler Unfug, Augen und Zähne muß man selber bezahlen, Medikamente auch) the standard here is very high( die Schulden sind noch höher)

Man fragt sich ob vielleicht bei ihrer Geburt gleichzeitig eine Lobotomie vorgenommen wurde, so wie man das früher mit Geisteskranken gemacht hat. Aus wildgewordenen Wahnsinnigen haben sie mit Hilfe der Lobotomie gefügige Schäfchenzombies gemacht.

Trotzdem, die Freundlichkeit der Menschen hier,( Lobotomie hin und her), ist noch das Beste hier. Ich freue mich immer noch darüber. Und die Lehrer in der Schule sind auch viel netter als in Deutschland, auch wenn sie manchmal merkwürdige Sachen erzählen. Aber die Kinder werden hier wenigstens nicht wie Feinde behandelt. Sie sind lieb zu den Kindern und das ist sehr viel wert.

Und zum Schluß noch etwas ganz Ungewöhnliches, das vor zwei Tagen mit der Post gekommen ist. Jodtabletten, die man einnehmen soll im Fall einer nuklearen Katastrophe, wegen dem naheliegenden Kernkraftwerk.

It is the safest Country in the world.

AMEN and God safe the queen

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