Kanada Report, Teil 9

JANE im April

Jane auf dem Nachhauseweg von einem Frühlingsspaziergang

Mittlerweile ist es Mitte April in Pickering. Und es ist kein grün in Sicht. Obwohl es wärmer wird. Nicht ein Krokus, nicht ein Schneeglöckchen, nicht ein blühender Baum, nur kahle Äste, wohin man blickt. Das ist nicht schön.Der Stand der Bäume ist wie in Deutschland Mitte Februar. Ich liebe den Frühling mehr als jede andere Jahreszeit und ich muß mich wohl damit abfinden, daß er hier einfach später kommt, oder das er schon begonnen hat, aber einfach anders ist, als ich es kenne. Der Lärm von der Autobahn, den ich mir die ganze Zeit schön geredet habe, indem ich ihn mit dem rauschenden Meer verglichen habe, ist jetzt nur noch verdammter nervender Autolärm. Die Freundlichkeit der Menschen hier, ihre höfliche Art, die mich anfangs angenehm überrascht hat, erweckt inzwischen äusserstes Mißtrauen in mir. Sind sie vielleicht alle Sektenmitglieder, aus der weltbekannten und extrem gefährlichen Grinsesekte? Kulturschock Phase 2 nähert sich dem Höhepunkt. Man fängt an alles zu hassen. Auch das wird sich wieder ändern, aber momentan ist es halt noch vor der Änderung. Ich lasse heute mal meinen ganzen Frust raus. Also wer keine Lust drauf hat, einfach zu lesen aufhören, mir ist nach Meckern zu Mute, das gibt mir nämlich ein Heimatgefühl. Ich vermisse die schlechtgelaunten Menschen in der U-Bahn in Berlin, sie geben einem ein Scheißgefühl, aber sie geben einem wenigstens das Gefühl das sie ehrlich sind. Hier weiß man nicht wo man dran ist. In Deutschland weiß man das der Alltag einem Spießrutenlauf gleicht und man ist gewappnet gegen jede Art von Rüpelhaftigkeit, indem man selber noch ein schlimmerer Rüpel ist. Deutschland ist  Assi-Rap mit Krawatte, Kanada ist Celine Dijon, die alte Nachtigall, im Bikeroutfit. Beides schwer zu verdauen.

Es stimmt, daß die Leute hier freundlich und höflich und relaxt sind.Es ist aber auch wahr, daß sie aus lauter Höflichkeit lügen, falls die Wahrheit nicht höflich ist. Zum Beispiel wenn man eine wichtige Frage hat, bekommt man ganz schnell eine beruhigende Antwort,die Antwort, die man am liebsten hören würde, man bekommt Wünsche für einen großartigen Tag gratis dazu und stellt kurz darauf fest, daß man auf die allerhöflichste Art und Weise belogen wurde. Beispiel: ich habe jetzt  keine Lust auf langweilige Beispiele. Aber bitte alle Kanada Auswanderer seid gewarnt: Erwartet nicht das Paradies und die freundlichen Leute sind keine Engel  und die Autobahn ist nicht der Ozean, der Käse ist so schön dottergelb, weil er voller Farbstoff ist und aus dem Grund ist er auch so teuer und schmeckt nicht. Das Brot von der Marke Dempster, schmeckt wie es heißt, obwohl es das Wort gar nicht gibt.

Ach die Rotkehlchen hier haben die doppelte Größe, wovon  Rotkehlchenliebhaber profitieren können. Kleine Enttäuschung für Eichhörnchenfans. Sie sind in Wirklichkeit böse kleine Dämonen.

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Kunstinstallation: Das Ende des Auswanderertraum

Das mit der Grinsesekte hört sich natürlich ganz schön heftig an und man sollte solche Gerüchte nicht verbreiten, wenn man keine handfesten Beweise dafür hat. Die harten Worte aus meinem Mund dienen mir selber zur Unterhaltung.So was machen frustrierte und verwirrte Menschen eben gerne und das sollte niemandem sauer aufstoßen. Aber wenn ich mir das Foto oben anschaue, dann sehe ich einfach Menschen, denen das Lachen vergangen ist und sie tragen jetzt zur Strafe Papiertüten über dem Kopf. Sie sollten ein Grinsen draufmalen, was sie irgendwie nicht schafften.

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Neulich in Toronto traf ich auf einen Philosophen. Er saß nachdenklich auf einer Bank und hielt seine Schiebermütze, die seine revolutionären Gedanken beschützt, fest, denn der torontanische Wind hat die Kraft die Segelboote fliegen läßt. Ich setzte mich zu ihm, damit etwas von seiner Gelassenheit und Weisheit auf mich überspringen konnte.Oder auch umgekehrt.

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Für die wenigen Leser, die ich habe, die diesen Blog lesen, weil sie Auswanderergeschichten lesen wollen, denen muß ich sagen, daß ich wirklich keine normale Auswandererin bin. Ich bin nicht hier weil ich in einem Blockhaus leben will und ich bin auch nicht hier um den amerikanischen Traum zu erfüllen. Ich bin nicht hier für das Haus,den  Swimmingpool, die Cocktailpartys, fürs Grillen am Wochenende und um sportliche Kinder zu gebären, perfekte Kuchen zu backen und in hoher Stimme positive Konservation zu betreiben und allen zu sagen wie wunderbar sie sind und wie sehr ich sie liebe. Ich bin auch nicht hier um das perfekte grüne Leben zu leben, Tauwasser zu trinken, Elchschinken zu räuchern und Kanu zu fahren. Auch habe ich keinen indianischen Berater und Schamanen, der mich in der Schwitzhütte unterstützt. Schon gar nicht bin ich hier, weil ich irgendeinen Plan habe. Ich neige einfach dazu auszuwandern. So wie andere Leute dazu neigen zu trinken, oder zum Grübeln oder oder oder. Das ist einfach eine Eigenschaft von mir, die ich schwer ablegen kann.

Bevor ich mich von dem Philosophen verabschiedete fraget ich ihn:“ Du als Statue, warum trägst du Handschuhe?“ Er schaute mich ernst an und schwieg für eine Weile, dann sagte er:“Ich neige einfach dazu, Handschuhe zu tragen.“

So sind sie die Philosophen. Sie sprechen mit tiefer Stimme in Rätseln und schauen ernst dabei und schon glauben alle sie erfinden gerade eine neue Bibel. Wenn ich sage, daß ich zum Auswandern neige, hat das wenigstens Hand und Fuß, aber niemand würde denken, daß ich tiefsinnig bin.

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7.4.2015, Park in Downtown Toronto

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Krasser Gegensatz, Möwe und Mensch

Der Ausflug nach Toronto war bitter nötig, für Jane und für mich, weil wir Pickeringzombies einfach mal ein bischen Leben tanken mußten. Das muß wieder eine Weile reichen und die Wirkung hat schon wieder total nachgelassen. Ich werde mir wohl einen Schamanen, bzw. Schamanin suchen müssen, der oder die meine Seele befreit und mir einen indianischen Namen gibt.

Pickering, die trostlose Beauty

Pickering, die trostlose Beauty

Wir waren neulich in einem Wald ganz in der Nähe, also 20 Autominuten.Dort war es saukalt, nebenbei bemerkt. Wir liefen durch das Unterholz und ich machte ein paar Fotos von Jane. Sie hatte sich im Wald verwandelt. In eine mächtige indianische Zauberin. Leider wußte sie nichts davon, und ich bemerkte es auch erst am nächsten Tag, als ich mir die Fotos anschaute. Klarer Fall von Zeichen. Jane ist in Kanada, weil sie irgendetwas mit Naturgottheiten, Schamanismus und Indianern zu tun hat.

Jane, die indianische Zauberin

Jane, die indianische Zauberin

Es hat unterm Strich alles einen spirituellen Grund, davon bin ich überzeugt, obwohl ich wirklich keine Esotante bin.Vielleicht werde ich ja noch eine. Das ist sogar sehr wahrscheinlich, denn verwirrte und verlorene Menschen finden oft Halt in Sekten oder in Geheimwissenschaften. Ist mir egal, ich muß die Esotante in mir endlich mal ausleben. Es steckt in mir und jetzt ist die Zeit gekommen.Ich konnte immer schon zaubern. Es wird langsam Zeit, daß ich das nutze.

PS: Habe ein bischen recherchiert, der Typ auf der Bank war gar kein Philosoph, sondern der weltberühmte Pianist Glenn Gould. Das erklärt natürlich die Handschuhe.