Kanada Report, Teil 8

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Ich habe den Winter überstanden.Mein Hirn ist dank meiner Blumenmütze nicht eingefroren, aber ich muß gestehen, mit einer Mütze kommt man hier nicht weit. Zwei Mützen übereinander ist Standard. Auf diesem fröhlich frischen Foto bin ich zu sehen, bei Minus 25 Grad Celcius am Strand von Oshawa.Das ist jetzt aber auch schon über einen Monat her und mittlerweile ist der Schnee weg und der Frühling ist trotzdem in weiter Ferne. Der viel gefürchtete Wind, der im Winter  gar nicht so oft geweht hat, weht jetzt umso doller, daß es einem die Freude über die einstelligen Plusgrade unter 5 gründlich verdirbt. Die Möwen schreien wieder laut, die Eichhörnchen sehen gerupft aus, der weggetaute Schnee bringt Hundekot ans Licht. Das sind bis jetzt die einzigen Anzeichen für den weitentfernten, aber doch nahendem und nach Kalender schon angekommenen Frühling. Nicht ganz, gerade fällt mir so ein Typ ein, den ich neulich morgens beobachtet habe, wie er mit seinem Hund rausging. Es war ein strahlender Morgen bei minus 10 Grad und der Typ lief nur im T-Shirt rum. Seine Knochen schütze er nur mit dem Normaldurchmesser an weißkanadischer Fettschicht vor der Kälte.

Allerdings war ich Mitte März mit Jane in Toronto, ein Tagesausflug in die Großstadt ( ist gar nicht so weit weg, Entfernung wie von Köpenick nach Bahnhof Zoo) und wir hatten dort eine halbe Stunde am Hafen bei strahlendem Sonnenschein und absoluter Windstille, entstanden durch die Häuser, die ausnahmsweise mal menschfreundlich angeordnet waren. Dort hatten wir wirklich ein Gefühl von Frühling. Der Rest von Toronto ist ein einziger Windkanal, die Hochhäuser fungieren als Lautsprecher für den Wind, weswegen Toronto auch den Spitznamen Winddiscothek hat. Allerdings kann es schon passieren, daß man blöd angeschaut wird, wenn man am Schalter ein Ticket nach Winddiscothek verlangt, also sagt man besser doch Toronto.

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Apropos Schalter. Ich fragte die Angestellte am Schalter, welchen Zug ich aus Toronto zurücknehmen muß. Sie sagte ich muß Lakeshore West zurücknehmen. Ich sagte ihr, daß ich aber auf dem Rückweg in Richtung Osten muß, wohingegen sie erwiderte, daß der Zug ja aus dem Westen kommt. Willst du in den Osten, mußt du den Zug aus dem Westen nehmen. Klarer Fall. Sie gab mit sogar noch einen Plan und kreuzte die Züge an, die ich zurücknehmen kann. Ich muß zugeben, es verwirrte mich etwas. Aber sie mußte es ja wissen. Sie arbeitet wahrscheinlich schon ihr ganzes Erwachsenenleben in Pickering am Bahnhof. Also schenkte ihr ein bischen Vertrauen. Die Leute in Kanada arbeiten viel mit Himmelsrichtungen. Das haben sie von den Indianern.

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Nach unserem traumhaft schönen Hafenaufenthalt bewegten wir uns wieder Richtung Innenstadt.Sobald wir den Hafen verließen jagte uns eine Windböe nach der anderen, unsere Augen tränten und wir hatten mit der Kälte zu kämpfen. Glücklicherweise unterhielt mich Jane bestens mit einer perfekten Heidi Klum Imitation. Sie spielte, wir wären bei einem Fotoshooting und sie würde die gepeinigten Mädchen versuchen zu motivieren:“ Wenn du ein Bikini Shooting in Alaska hast, da kannst du auch nicht sagen: Mir ist  jetzt kalt, ich brauch eine Mütze!

IMG_6164Wir liefen den ganzen Nachmittag durch die Stadt, gingen durch X Geschäfte, wurden gar nicht müde, machten eine Starbucks- und eine Burgerkingpause, wo wir uns eine Poutine teilten. Poutine, ein typisch kanadisches Delikatessenessen: Pommes mit komischem Käse und widerlicher Bratensauce. Ich hatte eigentlich das andere kanadische Nationalgericht bestellt, Cäsarsalat, aber nachdem ich festgestellt hatte, daß keine Croutons drauf waren, brachte ich ihn zurück. Die Frau informierte mich darüber, daß es schon seit zwei Monaten keine Croutons mehr gibt. Wahrscheinlich hat der Croutonlieferant die Eisenbahn in die falsche Richtung genommen oder  die Frau bei Burgerking war mit der verwirrten Schaltertante aus Pickering verwandt. Um neun Uhr hatten wir endlich genug nach einem wirklich schönen, kommerziell befriedigendem Nachmittag in Toronto.

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Wir fanden den Weg zum Bahnhof und schauten auf die große Tafel in der Halle. Wegen mangelndem Vertrauen in die Bahnangestellte aus Pickering, fragte ich ein wartendes Mädchen, wonach wir schauen müssen, wenn wir nach Pickering wollen.Wir müssen Lakeshore East nehmen, weil wir in den Osten fahren. Ich sagte ungläubig: Danke, aber die Bahn kommt doch aus dem Westen!  Wenn sie auch dachte, ich wäre komplett bescheuert, so ließ sie es sich nicht anmerken und sagte freundlich, sie müsse auch nach Pickering und es ist wirklich Lakeshore East.

Das, was ich die ganze Zeit schon geahnt hatte!

Wir waren müde und freuten uns auf zu Hause. Aber es gab noch ein kleines, typisch kanadisches Hindernis. Ca. 2 Stationen vor Pickering gab es eine Durchsage, in der ein Bahnangestellter in Schnelldurchlauf irgendwelche vierstellingen Zahlen aufsagte, welche zu den Wagen gehörten, in denen die Türen nicht aufgingen.Da er es so schnell sagte, war es unmöglich rauszufinden, welche Türen jetzt funktionieren, geschweige denn in welche Richtung man laufen sollte, damit man die richtige Tür erwischt. Dazu muß  noch gesagt sein, daß die Wagennummern  keine numerische Reihenfolge haben und auch keine logische wie bei den Intelligenztests. Wenn wir beispielsweise in Nummer 1305 saßen könnte der nächste Wagen in die Antifahrtrichtung 1707 sein und so weiter.  Ich wurde nervös und hielt mich an vier junge Mädels, von denen ich annahm, daß sie es besser als wir verstanden haben. Mit dem Ergebnis, daß wir wie die Blöden durch die Wagen liefen, weil alle Türen verschlossen waren und wir tatsächlich verpassten in Pickering auszusteigen.Einem anderen Mann erging es genauso.Wir trafen auf den Durchsager, und ich hoffte innerlich, er würde den Zug zum Stehen bringen, was er aber nicht tat, stattdessen, schnauzte er uns auch noch an, daß er es vier mal gesagt hätte. Ich sagte ihm, daß seine Durchsagen total unverständlich waren. Er wollte nicht mit mir diskutieren und sagte das auch. Ich zuckte innerlich mit den Schultern und blieb cool wie das Eis auf dem Ontariosee. Das war auch gut so, denn der Durchsager fühlte sich schuldig und wurde extrem freundlich zu mir. Er sagte wir sollten  zwei Stationen weiter fahren und dann den Zug zurücknehmen, auf diese Weise müßten wir nicht so lange in der Kälte stehen. Wir müssen auch kein neues Ticket kaufen. Er machte sogar noch einen Anruf und sagte Bescheid, daß ein paar Leutchen Pickering verpaßt hätten. Und für die Zukunft gab er uns noch einen kleiner Tip: Alle Wagen, die mit 25 beginnen, öffnen die Türen in Pickering. Na, wenn das mal kein Insidertip ist!

Endlich in Pickering auf der Treppe zum Ausgang hielt uns noch ein verzweifelter Chinese auf und bat uns ihm ein Taxi zu rufen. Ich hatte echt keine Lust dazu, ich stempelte ihn in Gedanken als Triadenmitglied ab und verweigerte ihm fast die Hilfe. Moderne Menschen haben ein Handy, nur Verbrecher tun so als hätten sie keines. Ich benahm mich sehr arrogant, besann mich aber eines Besseren und rief ihm doch ein Taxi, dem armen Kerl.

Denn schließlich leben wir in Kanada und in Kanada ist man freundlich.

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