Kanada Report Teil 5

108

Was soll ich erzählen, wo soll ich anfangen? Diese Frage stelle ich mir jedes Mal, wenn ich meinen Kanada Report schreibe. Ich fühle mich zur Zeit wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Schwer zu finden, auch für mich selber. Oft bin ich  versunken im Ledersessel, den ich um Flur gefunden habe, und schaue mir französische, dänische, spanische und indische Filme mit englischen Untertitel auf Netflix an. Unsere Wohnung entwickelt sich langsam zu einer echten Beauty, dank der wunderschönen Dinge, die wir jeden Monat im Müll oder im Heilsarmeeladen finden. Wir haben zwei monatelang nach Nachtschränkchen gesucht, schwer zu finden, schöne Nachtschränkchen, bis sie plötzlch einfach so vor unsere Haustür standen. Bestellen beim Universum klappt hier wunderbar. Genau wie mit dem Ledersessel. Wir saßen immer auf dem Boden beim Fernsehschauen, bis ein formschöner, Echtledersessel einfach so im Flur rumstand. Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein, ich warte lieber ein bischen, vielleicht gehört er jemandem. Also ging ich erst mal einkaufen, entdeckte dann im Müll das seperate dazugehörende Fußteil für den Sessel und wußte, daß er wirklich zu haben ist.Vom Einkaufen zurück wartete er brav auf mich. In der gleichen Woche fand ich auch einen Schaukelstuhl, ein kleines Tischchen, eine Bank und einen Spiegel. Die Leute hier und wahrscheinlich auch anderswo schmeißen schöne Sachen in den Müll und gehen dann zu IKEA und kaufen sich Schrott. Auch wenn man in die Secondhandläden geht, ist es unfassbar, daß die schönen und wertvollen Sachen viel billiger sind als der geschmacklose Plastikschrott. So habe ich mir für knapp drei Dollar einen Echtfuchspelzkragen bei der Heilsarmee gekauft. Recycelter Echtpelz ist nichts Anstößiges für mich und dieser Fuchskragen ist ein richtig enger Freund geworden. Genau wie das kleine Chamäleon in PJ’s Petshop.

Karmachameläon

Dieses Chamäleon ist unfassbar süß. Gestern haben wir es besucht und als er mich sah, (er ist männlich), hat er sich wirklich gefreut. Er war so aufgeregt, daß er sogar von seinem Klettergerüst gefallen ist. Dann kam er an die Scheibe und hat seine kleinen Chamäleonhände gegen die Scheibe gepresst und dann hat er noch sein Chamäleonballet gemacht. Wir waren bestimmt 15 Minuten dort und konnten uns  fast nicht trennen von ihm. Als wir gingen, sah er uns lange hinterher.

Ich habe bis jetzt drei ungewöhnliche Freunde hier gefunden, das Chamäleon, den Ledersessel und den Fuchskragen.Wer schreibt denn vor, wie Freunde zu sein haben und das sie immer Menschen sein müssen. Also mein Fuchskragen ist weich und wärmt mich, schützt mich vor kaltem Wind und gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Das Chamäleon wärmt mein Herz mit seinem ästhetischen Verrenkungen und mit seinem hingebungsvollem Wesen und der Ledersessel ist ein äußerst gastfreundlicher Freund, der einen immer herzlich willkommen heißt.

Aber Kanada ist kein Land für Katzenfreunde. Das muß hier mal gesagt werden. Katzen werden hier misshandelt und ich habe den Verdacht, daß sie auch unter Drogen gesetzt werden. Es ist üblich hier, daß sie declawed werden. Das bedeutet, daß der Tierarzt hier völlig legal daß erste Zehenglied amputiert aus dem die Krallen wachsen. Danach sind die Katzen verkrüppelt, können nicht mehr klettern, nicht mehr kratzen und entwickeln Verhaltensstörungen. Deswegen sagen hier die Leute: Oh, I don’t like cats, they are strange,they are vicious. I prefer dogs.

Und sie haben keine Ahnung, daß die Katzen nur komisch sind, weil sie auf Wunsch ihrer Besitzer verstümmelt wurden. Und warum das Ganze: Damit sie das Scheiß Ikea Sofa nicht zerkratzen.

Dann, wenn die Katzen alt, fett und depressiv werden, werden sie ausgesetzt und wenn sie Glück haben, sammelt sie jemand vom einer Tierschutzorganisation ein, setzt sie in einen Glaskasten, gibt ihnen harte Sedative und bietet sie für 100 Dollar zur Adoption an.

handy photos 091

handy photos 092

Aber dann wiederrum gibt es solche netten Leute die genau  so eine alte, fette, verstümmelte, depressive, verhaltensgestörte und drogensüchtige Katze tatsächlich adoptieren. Das ist wiederum sehr christlich. Denn jede Woche sind neue Katzen in den Adoptionsglaskästen in PJ’s Petshop, wo sie mit seelenlosen Augen apathisch vor sich hin starren.

Die Wahrheit ist, Katzen sind besser in Europa aufgehoben. Nur die Pumas von Natur aus ausgerüstet mit enormer Stärke, Gewandtheit und Wildheit sind diesem katzenfeindlichen Land gewachsen. Aber auch die leben lieber in den Bergen, damit sie diesen ignoranten Katzenfeinden nicht begegnen müssen.

Apropo christlich. Gestern hat mich so eine Frau von der Kirche angerufen. Sie wollen Menschen, die neu im Land sind um die Weihnachtszeit helfen. Ich sagte ihr, wenn sie jemanden helfen will, soll sie eine alte, drogensüchtige Katze adoptieren. Sie sagte: Ohh, I don’t like cats, I prefer dogs.

Ich sagte ihr: Oh, I don’t like  christmas, I prefer cats.

Daraufhin hat sie mich zum Tee eingeladen und dann sind wir zum See gelaufen und haben Lianen geraucht. Die Frau von der Kirche und ich. Im Sturm. Plötzlich schien die Sonne und alle Wolken waren verschwunden.

141

Der See spuckte eine tote Meerjungfrau aus und der Frau von der Kirche wurde schlecht. Dann lief sie davon. Ich sprang ins kalte Wasser und machte für zwei Stunden einen Kaltwasserstreik, ein Opferritual für die verblödete Menschheit. Es war sehr erfrischend und mit neuem Optimismus erwachte ich in meinem Freund, dem Ledersessel.

Als ich dann heute in der Mall war, lief mir die Frau von der Kirche über den Weg. Mit einem riesigen Katzenkorb in der Hand. Wir gaben und den indianischen Gruß und gingen unserer Wege.

PS.:  Passend zum heutigen Thema fällt mir noch was ein. Vor ein paar Tagen hat mein Boyfriend mir erzählt, daß er wenn er ein Tier wäre, ein Chamäleon wäre. Daraufhin sagte ich ihm, daß ich ihn deswegen so gerne mag. Er fragte mich, was ich für ein Tier wäre. Ich überlegte kurz und sagte: Mmh, vielleicht eine Katze. …Ein PUMA…nee ich bin kein Puma,bin zu zahm, eine Katze will ich auch nicht mehr sein, nicht in Kanada, ich bin auch keine Chamäleondame, schade,  zu unflexibel, aber wenn ich mir meine Fingernägel so anschaue, die noch nie so schlimm aussahen wie hier in Kanada, hatte ich doch vielleicht recht mit Katze….

Ich denke noch ein bischen darüber nach und berichte euch beim nächsten Mal ausführlich darüber und weil bald Weihnachten ist wird Teil 6 harmonischer und fröhlicher ausfallen. Versprochen!

Advertisements