Kanada Report Teil 3

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Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Es ist nämlich alles so scheinbar ereignislos und ich schwimme auf einer Welle des seligen Nichtstun auf weichen Gedankenwolken durch die Zeit. Mein Tag beginnt um 7.00 Uhr. Das erste was ich mache, ist die Kaffeemaschine anstellen, sie braucht 10 Minuten bis sie warm wird. Wir haben sie in einem dieser Heilsarmee Secondhandläden gekauft und sie kam ohne Anleitung. Wir haben ein paar Tage gebraucht um dieses System zu verstehen. Selbsverständlich haben wir sofort im Internet nachgeschaut und festgestellt, daß sie ein richtig guter Fang war. Original Tim Horton’s Kaffeemaschine, Neupreis über 120 Dollar. Der erste Kaffee, den wir machten war kalt und obwohl wir reichlich Kaffeepulver in den Filter gemacht haben, kam nur so ein hellbraunes Wasser raus. Außerdem hat die Maschine zwei Schalter und zwei Tanks und das ganze Ding ist einfach ein riesengroßes Mysterium. Nach einer Woche habe ich die Kunst des Kaffeekochens mit dieser seltsamen Maschine erlernt.Und ich bin begeistert von dem hochwertigen und aromatischen Endprodukt.

Genug davon! Es gibt noch anderes Interessantes zu berichten. Ich hatte es ja schon versprochen. Jetzt kommen endlich die Fahrstuhlstories. Also der Fahrstuhl in diesem Haus hat einige außergewöhnliche und bemerkenswerte Eigenschaften. Das allererste was auffällt, ist der Geruch nach Pisse und Hund. Mal mehr Pisse, mal mehr Hund. Aber um 13 Uhr riecht er dann nach starkem Putzmittel, welches nur beinahe den Gestank überdeckt. Für empfindliche Menschen echt zum Kotzen. Ich halte manchmal die Luft an. Aber jetzt kommt’s. Wir haben zwei Fahrstühle. Und es ist immer nur der rechte, der stinkt. Aber wie das mit Fahrstühlen so ist, man weiß nie welcher zuerst kommt und meistens ist es leider der stinkende. Cèst la Fahrstuhl. Eines schönen Tages, es war ca. 17.00 Uhr, fuhr ich im rechten Fahrstuhl mit zwei fremden Männern. Normal, die meisten Leute im Fahrstuhl kennen sich nicht. Und überhaupt ist der Name falsch. Das Ganze hat gar nichts mit einem Stuhl zu tun, weil man ja steht. Aber das nur am Rande. Also ich fuhr mit diese beiden Männern zusammen im Fahrstuhl.Der erste war ca. 67 Jahre alt klein und grau und unauffällig und säuerlich. Er sah die Pisspfütze und und trat nicht rein. Da ich die erste war, die den Stehlift (besseres Wort!) betrat, konnte ich das wunderbar beobachten. Ich bin übrigens auch nicht reingetreten. Dann kam der zweite Mann. Ca. 59 Jahre alt, groß, eher auf der dicken Seite, ziemlich ungepflegt und mit Brille. Er trat voll in die Pfütze rein. Weder der säuerliche Herr noch ich warnten den Mann, nein wir sahen beide wie er reintrat und lächelten uns schadenfroh zu. Der säuerliche Herr stieg im 2.ten Stock aus, ich fuhr mit dem „Der Mit der Pisse am Schuh“ zusammen weiter zum 3. Stock. Er fragte mich, ob das der 3.te Stock ist, weil er es nicht sehen kann. Er sei fast blind auf einem Auge und es ist hart. Das Leben und überhaupt alles. 3 Sekunden Chat. Deswegen hat er die Pisse nicht gesehen, der Arme.Jedenfalls stellt sich raus, daß er mein direkter Flurnachbar ist. Die paar Sekunden im Fahrstuhl und schon lernt man soviel Neues. Ich werde nie wieder schadenfroh über jemanden lächeln, der in Hundepisse steigt, weil der Grund daß er es nicht bemerkt, ernsthafter Natur sein könnte.

132Laß doch lieber die Kürbisse auf den Dächern die Schadenfreude genießen.Alte kanadische Weisheit.

So, um beim Thema zu bleiben, die zweite außergewöhnliche Eigenschaft unseres Stehlift ist die Extratransrapid-Tür. Zögere keine Sekunde beim Aussteigen. Es könnte blaue Flecken geben. Es muß ja auch irgendwo ein Ausgleich für diese Entspanntheit des Landes und der Leute geben. Die Stehlifttüren sorgen dafür, daß man sich plötlich beschleunigen muß. Sozusagen ein kleiner Sprint, gut für den Kreislauf. Manchmal gibt es auch richtige Herausforderungen, wie eines schönen Tages als ich mit meinem Boyfreind und unserer Tochter den “ Der mit der transrapiden Tür“ betrat und nach uns ein junger Herr mit selbstgebastelten Fahrrad einstieg. Was heißt einstieg! Er quetschte sich und sein Fahrrad hinein. Die Tür schloß sich wütend. Er war kein Fremder.Wir kannten ihn schon, weil wir ihm andauernd begegneten.Er hielt uns manchmal die Tür auf und wir grüßten uns immer alle gegenseitig, weil er auch ein bunter Hund ist.Genau wie wir auch. Es gibt die graue Masse und die bunten Hunde. Davon gibt es hier reichlich und eigentlich gibt es keine graue Masse hier sondern eine kleine graue Minderheit. Jedenfalls, bunter Hund hin und her, ich war nicht gerade begeistert davon, daß er sich mit seinem Fahrrad dazuquetschte anstatt den nächsten Lift zu nehmen.Weil, wegen Rapidtür. Ich war gespannt. Und es kam wie ich es ahnte. Wir mußten vor ihm aussteigen und da er sein Bike keinen Millimeter bewegte mußten wir alle drei in Windeseile darüberklettern. Die Tür wartete nicht, und der letzte wurde ganz schön derbe von ihr angerempelt.

Eines anderen schönen Tages, es war ein Abend, hielten uns ein Vater und sein Sohn die Tür auf. Auch bunte Hunde, allerdings eher streunende Slumhunde. Sie hatte auch einen Hund. Einen kleinen frechen. Ok, der war süß,und wir sagten, der ist aber süß, aber sie  sahen aus, als würden sie den ganzen Tag Bier trinken und Pornofilme schauen, Nachts einbrechen und eventuell auch ein paar Morde begehen, wenn’s halt nicht anders ging,  und Eichhörnchen vergewaltigen und Möwen grillen. Oh nein, sie wollen mit uns in den Stehlift. Sie grölen uns zu:“You never guess the name of our dog!“ Ok, jetzt wird es interssant, wildfremde Hausmitbewohner mit krimineller Ausstrahlung wollen ,daß wir den Namen von ihrem Hund erraten. Rumpelstilzchen lebt. Aber ehe wir uns überhaupt irgendwelche Gedanken machen konnten, sprudelte aus dem besoffenen Mund von Vater Rumpelstilzchen schon die Antwort: PENIS! His name is PENIS. Wahhahahahhh!

Ok, das war witzig. Wenn man die beiden gesehen hätte, hätte man den Namen sofort erraten, hätten wir ein bischen Bedenkzeit gehabt. Ein andere Name hätte gar nicht gepaßt. Das war wahrscheinlich sowieso der einzige Name, den sie jemals kannten und sie hießen wahrscheinlich auch selber so.

Ich habe die beiden nie wieder gesehen.

Man sagt hier, wenn man Leute einfach nicht mehr sieht: They are squirrels now!

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Und so verbringe ich meine Zeit, nachdem ich die Kaffeemaschine um 7 Uhr anstelle. Ich beobachte die scheinbare Ereignislosigkeit und entdecke dabei, daß  Alltag nur ein Deckname für Leben ist.

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