Kanada Report Teil 4

Blick aus dem Busfenster

Langsam wird es kalt und auch die Sonne hat sich erst mal verzogen. Das verändert so einiges. Der Glanz des Neuen ist mit der schwindenden Sonnenenergie verblaßt und jetzt beginnnt der Kampf mit dem  Selbst. Endlose Dialoge mit Ikognito im eigenen Kopf, ein unsympatisches Stück Wesenheit, daß man immer unter Kontrolle halten muß, damit man nicht grundlos durchdreht. Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht oder nur Menschen mit einer schlimmen psychischen Diagnostik, aber ich fühle mich immer wie zwei. Deswegen kann ich auch so gut alleine sein. Ich bin jetzt schon fast 2 Monate im Land und es ist ein bischen so, als würde ich mich im Fegefeuer befinden. Eine katholische Erfindung, die ich momentan gut nachvollziehen kann.

Ich fühle mich wie im Fegefeuer, weil ich noch nicht richtig hier bin und ich auch nicht mehr zurückkann. Was ich auch nicht will. Aber auch wenn ich wollen würde, würde es nicht funktionieren, weil da eine Wand ist zwischen mir hier und meinem Leben damals. Ich warte noch bis die Tür hier aufgeht. Die Hintertür ist zu, die Vordertür ist verschlossen. Man nennt das wohl sich einleben. Derweilen ich warte bis die Tür sich öffnet, durchforste ich den Mikrokosmos in dem ich mich zur Zeit befinde.

In diesem Mikrokosmos mußte ich letzte Woche die Mikroeisenbahn nehmen und eine Mikroreise nach Scarbourough unternehmen, da ich mich mikroskopisch untersuchen lassen mußte, damit ich mich für den größeren Mikrokosmos qualifizieren kann. Übersetzt: ich brauche für meine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis eine medizinische Untersuchung , die nur von ganz bestimmten Ärzten ausgeführt werden kann, sogenannten Panel Doctors.

Meine Zugfahrt dauerte 7 Minuten, eine magische Zahl und ich mußte in Rouge Hill aussteigen. Ein Ort mit einem klangvollen Namen, wie aus einem Horrorfilm. Geh nicht nach Rouge Hill! Aber niemand sagt warum, man nicht dahin soll.

Go Train Haltestelle Rouge Hill

Es gibt auch gar keinen Grund dafür. Man kann bedenkenlos dahin fahren.

Dort mußte ich umsteigen und einen Bus nehmen. Laut Google maps Routenplaner die Nummer 64, laut Realität war es dann die Nummer 54. Als ich ausstieg, bin ich erst mal in die richtige Richtung gelaufen und während ich in die richtige Richtung lief, kamen mir Zweifel und ich fragte eine Frau auf der Straße, die erst mal keine Ahnung hatte, dann aber plötzlich davon überzeugt war, daß ich in die andere Richtung laufen mußte. Dummerweise glaubte ich ihr und lief ca. 5 Minuten in die andere Richtung . Wieder kamen Zweifel auf, da kam ein freundlicher Zwerg und fragte,ob er mir helfen kann. Er war kein Zwerg, aber es ist so märchenhaft, im Vergleich zu Deutschland, wie aufmerksam die Menschen hier sind. Wie freundliche Zwerge aus Märchen eben. Er gab mir den Tip in die andere Richtung zu laufen. Also tat ich das und lief zu weit. Komischerweise war da schon wieder der Zwerg und sagte ich müßte ein Stück zurücklaufen zum CIBC. Leider wußte ich nicht was das ist, also rief ich die Doctors Office an und fragte hinter welchem Baum im Märchenwald das Doktorshäuschen ist. Sie sagte das gleiche wie der Zwerg: „Just look for the CIBC and there is the MIP( so ungefähr)“ Ich sagte ihr,völlig entnervt, daß ich keine Ahnung habe, was CIBC ist. Das ich auch nicht wußte was MIP ist verschwieg ich lieber. Aus Imagegründen.

Egal, ich fand es letztendlich. Die Untersuchung war extrem oberflächlich, kurzer Sehtest, Nummern lesen,Urinprobe, Blutdruck messen, einmal abhorchen und in die Ohren schauen. Danach mußte ich noch zu einem Labor für einen Bluttest, wobei man nur auf Aids und Syphillis getestet wird, und dann noch einmal die Lunge röntgen. Beim Labor fragen sie einen noch, ob man in letzter Zeit in Afrika war und sie verlassen sich drauf, daß man ehrlich antwortet.

Das war es. Ich hatte es hinter mir. Ich hasse es zum Arzt zu gehen, aber das war ok. Ich machte mich auf den Weg zum Bus nach Rouge Hill. Es war ein kalter und windiger und grauer Tag. Ich stand an der Haltestelle und fühlte mich leer. Das haben Bushaltestellen so an sich. Man fühlt sich dort immer leer. Im Bus machte ich Fotos aus dem Fenster. Die Fotos waren total uninterressant, das einzig bemerkenswerte daran war, daß ich zweimal eine Frau in einer Roten Jacke fotografierte. Eine mit rotem Mantel und Kinderwagen und eine mit rotem Anorak. Und ich fuhr nach Rouge Hill. Der Ort mit dem Horrorfilmnamen.

Dort traf ich auf eine Raupe. Sie sprach nicht zu mir, aber sie lief direkt  vor meinen Füßen an mir vorbei. Sie trug Herbstfarben.

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Und wenn alles was man bemerkt ein Zeichen für einen selber ist, dann sagt mir diese Raupe auch nichts Neues. Metamorphose. Ich befinde mich seit meiner Geburt im Raupenstadium.  Aber mir gefällt ihr Modebewußtsein. Das einzig besorgniserregende war, daß sie recht zügig für eine Raupe in Richtung Bahngleise kroch. Selbstmord in Rouge Hill, Raupe warf sich vor den Zug. Doch im letzten Moment flog sie davon.

Es war kein spannender Tag im Fegefeuer. Oberflächlich betrachtet jedenfalls nicht. Genauer betrachtet erst recht nicht.

Dranbleiben, denn es geht weiter und es wird wieder spannend. Es geht um Geisterfotos und gelangweilte Gartenbauangstellte .

Kanada Report Teil 3

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Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Es ist nämlich alles so scheinbar ereignislos und ich schwimme auf einer Welle des seligen Nichtstun auf weichen Gedankenwolken durch die Zeit. Mein Tag beginnt um 7.00 Uhr. Das erste was ich mache, ist die Kaffeemaschine anstellen, sie braucht 10 Minuten bis sie warm wird. Wir haben sie in einem dieser Heilsarmee Secondhandläden gekauft und sie kam ohne Anleitung. Wir haben ein paar Tage gebraucht um dieses System zu verstehen. Selbsverständlich haben wir sofort im Internet nachgeschaut und festgestellt, daß sie ein richtig guter Fang war. Original Tim Horton’s Kaffeemaschine, Neupreis über 120 Dollar. Der erste Kaffee, den wir machten war kalt und obwohl wir reichlich Kaffeepulver in den Filter gemacht haben, kam nur so ein hellbraunes Wasser raus. Außerdem hat die Maschine zwei Schalter und zwei Tanks und das ganze Ding ist einfach ein riesengroßes Mysterium. Nach einer Woche habe ich die Kunst des Kaffeekochens mit dieser seltsamen Maschine erlernt.Und ich bin begeistert von dem hochwertigen und aromatischen Endprodukt.

Genug davon! Es gibt noch anderes Interessantes zu berichten. Ich hatte es ja schon versprochen. Jetzt kommen endlich die Fahrstuhlstories. Also der Fahrstuhl in diesem Haus hat einige außergewöhnliche und bemerkenswerte Eigenschaften. Das allererste was auffällt, ist der Geruch nach Pisse und Hund. Mal mehr Pisse, mal mehr Hund. Aber um 13 Uhr riecht er dann nach starkem Putzmittel, welches nur beinahe den Gestank überdeckt. Für empfindliche Menschen echt zum Kotzen. Ich halte manchmal die Luft an. Aber jetzt kommt’s. Wir haben zwei Fahrstühle. Und es ist immer nur der rechte, der stinkt. Aber wie das mit Fahrstühlen so ist, man weiß nie welcher zuerst kommt und meistens ist es leider der stinkende. Cèst la Fahrstuhl. Eines schönen Tages, es war ca. 17.00 Uhr, fuhr ich im rechten Fahrstuhl mit zwei fremden Männern. Normal, die meisten Leute im Fahrstuhl kennen sich nicht. Und überhaupt ist der Name falsch. Das Ganze hat gar nichts mit einem Stuhl zu tun, weil man ja steht. Aber das nur am Rande. Also ich fuhr mit diese beiden Männern zusammen im Fahrstuhl.Der erste war ca. 67 Jahre alt klein und grau und unauffällig und säuerlich. Er sah die Pisspfütze und und trat nicht rein. Da ich die erste war, die den Stehlift (besseres Wort!) betrat, konnte ich das wunderbar beobachten. Ich bin übrigens auch nicht reingetreten. Dann kam der zweite Mann. Ca. 59 Jahre alt, groß, eher auf der dicken Seite, ziemlich ungepflegt und mit Brille. Er trat voll in die Pfütze rein. Weder der säuerliche Herr noch ich warnten den Mann, nein wir sahen beide wie er reintrat und lächelten uns schadenfroh zu. Der säuerliche Herr stieg im 2.ten Stock aus, ich fuhr mit dem „Der Mit der Pisse am Schuh“ zusammen weiter zum 3. Stock. Er fragte mich, ob das der 3.te Stock ist, weil er es nicht sehen kann. Er sei fast blind auf einem Auge und es ist hart. Das Leben und überhaupt alles. 3 Sekunden Chat. Deswegen hat er die Pisse nicht gesehen, der Arme.Jedenfalls stellt sich raus, daß er mein direkter Flurnachbar ist. Die paar Sekunden im Fahrstuhl und schon lernt man soviel Neues. Ich werde nie wieder schadenfroh über jemanden lächeln, der in Hundepisse steigt, weil der Grund daß er es nicht bemerkt, ernsthafter Natur sein könnte.

132Laß doch lieber die Kürbisse auf den Dächern die Schadenfreude genießen.Alte kanadische Weisheit.

So, um beim Thema zu bleiben, die zweite außergewöhnliche Eigenschaft unseres Stehlift ist die Extratransrapid-Tür. Zögere keine Sekunde beim Aussteigen. Es könnte blaue Flecken geben. Es muß ja auch irgendwo ein Ausgleich für diese Entspanntheit des Landes und der Leute geben. Die Stehlifttüren sorgen dafür, daß man sich plötlich beschleunigen muß. Sozusagen ein kleiner Sprint, gut für den Kreislauf. Manchmal gibt es auch richtige Herausforderungen, wie eines schönen Tages als ich mit meinem Boyfreind und unserer Tochter den “ Der mit der transrapiden Tür“ betrat und nach uns ein junger Herr mit selbstgebastelten Fahrrad einstieg. Was heißt einstieg! Er quetschte sich und sein Fahrrad hinein. Die Tür schloß sich wütend. Er war kein Fremder.Wir kannten ihn schon, weil wir ihm andauernd begegneten.Er hielt uns manchmal die Tür auf und wir grüßten uns immer alle gegenseitig, weil er auch ein bunter Hund ist.Genau wie wir auch. Es gibt die graue Masse und die bunten Hunde. Davon gibt es hier reichlich und eigentlich gibt es keine graue Masse hier sondern eine kleine graue Minderheit. Jedenfalls, bunter Hund hin und her, ich war nicht gerade begeistert davon, daß er sich mit seinem Fahrrad dazuquetschte anstatt den nächsten Lift zu nehmen.Weil, wegen Rapidtür. Ich war gespannt. Und es kam wie ich es ahnte. Wir mußten vor ihm aussteigen und da er sein Bike keinen Millimeter bewegte mußten wir alle drei in Windeseile darüberklettern. Die Tür wartete nicht, und der letzte wurde ganz schön derbe von ihr angerempelt.

Eines anderen schönen Tages, es war ein Abend, hielten uns ein Vater und sein Sohn die Tür auf. Auch bunte Hunde, allerdings eher streunende Slumhunde. Sie hatte auch einen Hund. Einen kleinen frechen. Ok, der war süß,und wir sagten, der ist aber süß, aber sie  sahen aus, als würden sie den ganzen Tag Bier trinken und Pornofilme schauen, Nachts einbrechen und eventuell auch ein paar Morde begehen, wenn’s halt nicht anders ging,  und Eichhörnchen vergewaltigen und Möwen grillen. Oh nein, sie wollen mit uns in den Stehlift. Sie grölen uns zu:“You never guess the name of our dog!“ Ok, jetzt wird es interssant, wildfremde Hausmitbewohner mit krimineller Ausstrahlung wollen ,daß wir den Namen von ihrem Hund erraten. Rumpelstilzchen lebt. Aber ehe wir uns überhaupt irgendwelche Gedanken machen konnten, sprudelte aus dem besoffenen Mund von Vater Rumpelstilzchen schon die Antwort: PENIS! His name is PENIS. Wahhahahahhh!

Ok, das war witzig. Wenn man die beiden gesehen hätte, hätte man den Namen sofort erraten, hätten wir ein bischen Bedenkzeit gehabt. Ein andere Name hätte gar nicht gepaßt. Das war wahrscheinlich sowieso der einzige Name, den sie jemals kannten und sie hießen wahrscheinlich auch selber so.

Ich habe die beiden nie wieder gesehen.

Man sagt hier, wenn man Leute einfach nicht mehr sieht: They are squirrels now!

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Und so verbringe ich meine Zeit, nachdem ich die Kaffeemaschine um 7 Uhr anstelle. Ich beobachte die scheinbare Ereignislosigkeit und entdecke dabei, daß  Alltag nur ein Deckname für Leben ist.

Kanada Report Teil 2

sonnenaufgang

Der Blick aus unserem Wintergartenfenster am Morgen ist eine wunderbare Melange aus Nadelbäumen und den großen Schwestern. Die großen Schwestern sind allgegenwärtig und unübersehbar. Gibt es sie in Deutschland auch? Ich kann mich nicht erinnern.  Ich weiß nur, daß es sie in Frankreich auch in Hülle und Fülle gibt. Meine Mutter gab Ihnen den Namen: die großen Schwestern. Kurze Erklärung: große Schwestern gleich Strommasten.

Ich bin das Highwaygirl. Weil ich neben der Autobahn wohne. Die großen Schwestern sind wirklich groß, aber warum heißen sie Schwestern? Weil sie sich alle ähnlich sehen und weil sie sich so unübersehbar und autoritär positionieren. Breitbeinig, die Arme angespannt, jederzeit bereit zur Großen -Schwestern- Drohgebärde. Wenn du nicht warm anziehst, bist du selber Schuld, wenn du an Lungenentzündung stirbst.

Obwohl sie überall sind, machen sie trotzdem Werbung.

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Sie engagieren dafür junge Skatboardfahrer, die mit ihren Sprühdosen kostenlose Werbung für die Schwestern machen, aber gleichzeitig auch eine Botschaft weitergeben. Dream big. Typisch nordamerikanisch, aber nicht falsch, denn alles was ist, war einmal ein Traum. Die großen Schwestern, ihr Vater ist das Kernkraftwerk, sie verstehen Marketing. Sogar die Pilze auf der Wiese träumen sich zu gigantischen Ausmaßen heran.

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Ich weiß, man kann auf einem Foto schlecht die Größe abschätzen, ich hätte meinen Fuß danebensetzten sollen, aber da ich so große Füße habe, wäre der Effekt nicht so eindeutig gewesen. Schaut euch einfach mal die Grashalme an, dann bekommt ihr das Gefühl für diesen sich gigantisch geträumten Pilz.

verstrahlter Pilz

Gleicher Pilz, bischen angefressen ein paar Tage später, umzingelt von normalgroßen Äpfeln. Sie fallen vom Baum und dienen als Futter für die kanadischen Gänse. Die überall sind. Niemals sieht man sie alleine. Sie sind immer mit anderen Gänsen zusammen unterwegs. Sie lieben Parks und Parkplätze.

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Sie strahlen Ruhe und Frieden aus. Für jedes häßliche Gebäude, davon gibt es hier mehr als genug, gibt es als Gegengewicht einen Haufen fröhlicher in Scharen auftretender Tiere, seien es Eichhörnchen, Möwen oder Gänse.  Dadurch macht es auch nicht so viel aus, daß die Architektur hier wirklich sehr im Basiswissen für Architektur, Teil 1, Seite 1 steckengeblieben ist. Alles ist funktionell, mehr nicht.  Aber das Verrückte daran ist, man fühlt sich trotzdem gut. Ich bin normalerweise ein Mensch, der immer irgendwas Schönes sehen muß, um sich gut zu fühlen. Ich sehe ein Parkhaus und will Selbstmord machen. Bischen übertrieben, aber die Richtung stimmt. Aber hier steht man auf einem Parkplatz in einem dieser riesengroßen Shoppingkomplexe, nix Schönes von Menschenhand gemachtes in Sicht und man hört Möwengeschrei und schaut in den Himmel und ist plötzlich selber eine Möwe.

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Das ist Kanada und Kanada gehört den Tieren. Sie sind eindeutig in der Überzahl und das ist auch gut so. Pro Mensch 10 Eichhörnchen, 1000 Möwen oder 20000 Gänse. Für jedes häßliche Gebäude alle auf einmal.

Und da habe ich gleich noch eine fantastische idee für einen neuen Beruf bekommen:Lady for specific Statsitic

Zum Beispiel: das Verhältnis von einzelnen Hauschuhen an Straßenrändern und zerbrochenen hellblauen Glasschüsseln in Seen.Oder oder oder. Die Liste ist unendlich und deswegen hat dieser Beruf Zukunft.

Die großen Schwestern wissen Bescheid: Dream Big ist ihr Motto.

Dream Big und du wirst einmal ein großer Träumer

Ich hatte ja noch verprochen Geschichten aus dem Fahrstuhl zu erzählen, aber wie bei jeder guten Daily Soap gilt auch hier: Dranbleiben!

Und im dritten Teil geht es unter anderem um Geschichten aus dem Fahrstuhl und Hunde, die Penis heißen.