Kanada Report, Teil 1

Freundlich lange Ampelphase für entspannte Menschen

Ankunft 27.08.2014 um ca.20.30. Durchgeschwitzt bis aufs Haar. Kanada ist schwül im Sommer.  Der indische Schlangenplatzanweiser schickt uns in die längste Schlange an der Immigration, die noch langsamer wird, als die einzig kanadisch aussehende Immigrationsbeauftragte ein kurzes Toilettenpäuschen einlegt. Sie sieht aus als hätte ein Bär ihr mit Tatze übers Gesicht gewischt und sie dabei mit der Kralle verletzt. Aber es wurde gut genäht und man muß schon genauer hinschauen, bis man die riesenlange Narbe in ihrem Gesicht erahnen kann. Wir werden jetzt abwechslnd mit einer Horde uralter Rollstuhlfahrer abgefertigt. Oh, das kann dauern! Die blonde Kanadierin kommt glücklicherweise bald wieder. Jetzt geht alles zack zack. Ob sie mich wohl nach meinem dämlichen Rückflugticket fragen wird, daß ich mir kaufen mußte, um vorzutäuschen, daß ich mich nicht ins Land schmuggeln möchte. Denn dafür hätte ich Papiere gebraucht, die ich ca. ein halbes Jahr oder ein Jahr vorher hätte beantragen müssen und da ich nicht so weit in die Zukunft denken kann, habe ich es nicht gemacht. Jetzt sind wir dran. Oohh Gott, was kommt jetzt. Sie will gar nichts sehen, außer dieser Karte die man im Flugzeug ausfüllen muß, worauf steht, daß ich 52 Tage in Kanada bleiben werde. Angeblich. Und das ganze Theater, obwohl ich mit einem Kanadier( indischer Abstammung) verheiratet bin? Nur weil die Tante bei der Condor mir erzählt hat, ich würde ohne Rückflugticket nicht ins Flugzeug kommen. Und niemand hat auch nur einmal danach gefragt. Ob meine Tochter auch nach 52 Tagen zurückfliegt. Nein. Wird sie in Kanada zur Schule gehen? Ja. Ok, wir bekommen einen Stempel und haben es geschafft. Wir gehen in eine andere riesige Halle mit Fließbändern und suchen das richtige Fließband mit unseren Koffern. Irgendwie sind diese Fließbänder zu schnell. Janes Koffer kommt zuerst, er ist schwer und man braucht echt Kraft um ihn vom rasenden Fließband zu angeln. Dann kommt meiner, noch schwerer und er bleibt hängen, ich zerre, ein Rad geht ab. Typisch. Ein freundlicher Inder hilft mir und rettet mein Rad. Ich stecke es einfach wieder an meinen Koffer. So einfach ist das. Wir ziehen schweißgebadet unsere Koffer zum Ausgang, schon wieder eine Schlange, schon wieder eine Inder. Aller Vorurteile gegen Vorurteile zum Trotz , Inder und Schlangen gehören irgendwie zusammen. Bevor man rausgeht, muß man seine abgestempelte Immigrationskarte vorzeigen. Ok, endlich geschafft.

Und jetzt bitte Ausschau halten. Da ist er, nicht zu übersehen. Schon wieder ein Inder, mein Boyfriend. Wir sind zwar verheiratet, aber  ich finde „mein Mann“ hört sich ziemlich spießig und langweilig an. Deswegen ist er ab jetzt mein Boyfriend. Andere Menschen sind verheiratet und schaffen sich aus lauter Langeweile und Routine einen Boyfreind oder Girlfriend an, neben dem Ehemann bzw. der Ehefrau. EHE wie gesagt ein schlechtes Wort für Verbindung, denn ehe man sich versieht ist man  verheiratet und wieder geschieden. Dem kann man abhelfen durch einfache Umstellung der Sprechgewohnheiten.

Ich fühle mich irgendwie so ichweißnichtwieichmichfühlensoll, nach so langer Zeit, ganzen 9  Single- Mom- Monaten in Berlin, Boyfriend auf Mission auf den Highways Nordamerikas. Und jetzt das Widersehen. Ich stelle alles in mir auf leise und langsam. Das hört sich jetzt so an wie aus einer Frauenzeitschriftreportage. Wie auch immer. Ich habe Angst vor einem Kulturschock und überhaupt vor Schocks und Schöcken oder wie soll ich sagen. Wenn plötzlich alles anders ist und man aus seinen gewohnten Bahnen gerissen wird und man denkt man ist nicht flexibel genug dafür, Quantensprung in Zeitlupe. Neues Leben, neue Rolle, cool bleiben, alles neu, auch wir sind neu, gestern noch Berlin, Europa, alte Häuser, reduzierte Kommunikation, viele Türken, heute Kanada, funktionelle Architektur,Amerika, Kommunikationsextremismus und viele Inder.

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Black Star Pantereichhörnchen, extrem schnell und gefährlich

Und endlos viele Eichhörnchen. Sie sind überall. Eines Morgens sah ich zwei in der Mülltonne sitzten, was nicht außergewöhnlich ist, außergewöhnlich war nur, daß sie mir beide zugewandt synchron an einem Nachochip knabberten. Sogar die Eichhörnchen hier lieben Chips.

handy photos 117Mein erstes Ziel in Kanada war, Eichhörnchen zu fotografieren. Das ist nämlich recht schwierig, weil sie so schnell sind, und nicht gerne posieren. Glücklicherweise habe ich dieses Ziel letzte Woche Dienstag erreicht, als ich einen sehr angenehmen einsamen Ausflug zum Frenchmens Bay machte, an einem traumhaft sonnigem Septembertag.

Frenchmens Bay, friedliche Idylle mit Kernkraftwerk im Hintergrund

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Einsam ist für mich ein positives Wort. Es hat was mit eins sein zu tun. Man ist sich einig. Ich wundere mich immer wieder über das unterschiedliche Assoziieren von Wörtern. Also auf diesem wunderschönen, einzigartigen, einsamen, einsseinmäßigen Ausflug erreichte ich mein erstes kleines Ziel in Kanada. Da war das Eichhörnchen, daß sich gerne von mir fotografieren ließ. Es lief nicht weg, es saß im Baum und wir beobachteten uns gegenseitig.

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IMG_4979IMG_4981IMG_4986IMG_4992Es war so einfach für mich mein erstes  Ziel in Kanada zu erreichen! Ich sollte öfters mal ein Ziel haben. Ich liebe es allerdings, total ziellos zu sein. Das ist eine sehr große Schwäche von mir. Ganz hart ausgedrückt und beim Kragen gepackt, im Klartext: Ich habe einen schwerwiegenden Charackterfehler, der mich wie ein Herbstblatt oder eine Plastiktüte im Wind rumflattern läßt und mich irgendwo landen läßt. Aber manchmal habe ich dann doch Ziele, die ich auch recht schnell erreiche.Wie zum Beispiel im Land der Eichhörnchen Eichhörnchen zu fotografieren. Ziele müssen ja nicht kompliziert sein. Wieder so eine Falschinterpretation von netten Wörtern. Und so habe ich einen neuen Beruf gefunden. Vielleicht sogar eine Berufung und zwar Wortrechtsanwältin. Die Ehe war mein erster Kunde und ich sagte zu ihr: „Sorry, das ist ein schwieriger Fall, in diesem Fall kann ich nur eine Namensänderung empfehlen.Wie wäre es mit Frieda, das kommt von Friede, endet aber mit einem a, was dadurch dem ganzen eine fröhliche Nuance gibt.“ Da sagte die Ehe kopfschüttelnd  zu mir: „Ich bin ja nicht deswegen gekommen, ich bin gekommen, weil Sie gesagt haben, daß Ehe ein schlechtes  Wort ist und ich will Sie verklagen.“Also, da ich die einzige Rechtsanwältin weltweit bin, die Wörter vertritt, nahm ich den Fall an und verklagte mich selber. Welch eine geniale Geschäftsidee. Ich beleidige Wörter, und  vertrete die beleidigten Wörter gleichzeitig. Unter meinem Namensschild an meiner Tür in Kanada steht jetzt:  Lawyeress for Worldwide Wordcases

Wenn ich den Leuten hier erzähle was ich arbeite, dann sagen sie alle mit einem Bigsmile: Oh Dear, that’s awesome! What a unique idea, honey. Good for you ,sweetie! Have a great day.

So sind sie die Leute hier. Generell und überalll wo man hinkommt. Ein Glück, daß Wörter meine Kunden sind, denn diese friedlichen Menschen hier verschwenden keine Zeit mit klagen und verklagen. Kanada ist eine Weihnachtsland und die Waschbären tanzen Tango mit den Möwen.

IMG_5048Dranbleiben! Im Kanada Report Teil 2 geht es unter anderem um mutierte Pilze und …. mal sehen… ach ja Geschichten aus dem Fahrstuhl

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