Die Zauberin von der Pfaueninsel

Ein warmer Oktobernachmittag in Berlin. Was kann man damit machen? Warum nicht die Pfaueninsel besuchen, dachte sich  Elenora und rief ihre Freundin  Clara an. Die lag aber unpäßlich zu Bette, deswegen entschied sich Elenora ganz gegen ihre gesellige Natur diesen Ausflug alleine zu machen. Allerdings machte sie diesen Anruf nur von einem imaginären alten Telefon,und gesellig war sie schon gar nicht. Trotzdem war besagte Clara ihre beste Freundin und genau wie das Telefon 100 prozentig imaginär. Sie schmierte sich ein paar Schnittchen, zog sich ihren neuen Trenchcoat an und stieg in den 218 er Bus und fuhr mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und nervöser Ängstlichkeit bis zur Endstation. Sofort fühlte sie sich in eine andere Zeit zurückversetzt, allerdings in eine Zeit, die sie gar nicht kannte, aber trotzdem gelang es ihr ein neues Gefühl zu entwickeln, was gar nicht so leicht war, wenn der Alltag einen fest im Griffe hat, so fest, daß man die Mauern nicht mehr verlassen kann. Es sei denn, man bemerkt in einer hellen Minute, daß sie gar nicht existieren.

An der Endstation angekommen , stieg sie in die Fähre, die sie innerhalb von 30 Sekunden zur Pfaueninsel brachte. Sobald sie einen ihrer müden Füße aufs Land setzte, fühlte sie sofort eine kleine Veränderung. Sie war nicht mehr ganz so die deutsche Apfelkuchen backende Großmutter, die sie eigentlich nie war, was aber trotzdem eine passende Beschreibung für ihr gesamtes Leben ist. In Ritualen und Gewohnheiten und Klischees  am Leben erfolgreich vorbeigelebt.

Ein neues Gefühl machte sich breit.Romantische Schwermut. Sie kannte nur die unromantische Variante davon. Sie mochte das Gefühl.Das verging aber ganz schnell und machte Platz für unbändige Abenteuerlust. Tatsächlich war dieser Ausflug etwas einmaliges, denn noch nie hatte sie alleine einen Ausflug gemacht. Immer war ihr Mann dabei und alles was er wollte ,wurde gemacht. Sie hatte ihr ganzes Leben noch nicht einen Wunsch durchgesetzt, so schien es ihr plötzlich. Boshaft überkam sie Freude, daß ihr Mann eines Tages verschwunden war. Sie hatte die Polizei informiert, als er nach 7 Tagen immer noch nicht vom Spaziergang mit dem Hund wiedergekommen war. Insgeheim hoffte sie, daß die Polizei ihn nicht wiederbringen würde und sie genoß ihre Tage vor dem Fernseher und ließ sich Pizza und chinesisch ins  Haus liefern. Einmal klingelte es an ihrer Tür, sie dachte es wäre der Lieferservice, aber es war die Polizei, die ihr mitteilte, daß sie nicht mehr weiter suchen würden, daß aber auch kein Verdacht auf Mord vorläge. Sie bedankte sich ein wenig zu überschwenglich. Eigentlich verdächtig, aber da der Polizeibeamte auch nur nach Hause wollte, schenkte er diesem ungewöhnlichen Verhalten keinerlei Beachtung.

Das war jetzt schon 10 Jahre her und die Zeit war verflogen und Elenora hatte es bis auf das Fernsehen, nämlich das sie sich ohne schlechtes Gewissen  jede noch so triviale Show ansieht ,nicht geschafft sich aus den Fesseln zu lösen. Und das waren ja auch nur neue Fesseln.  Sie war eine geborene Gefessellte. Bis zu diesem Oktobernachmittag.

Sie wußte nicht welchen der drei Wege sie nehmen sollte, aber ihre Füße bewegten sich ganz von alleine. Am Wegesrande waren die schönsten Hagebutten, die sie jemals in ihrem Leben in Fernsehen gesehen hatte und sie pflückte sie in wilder Freude und verschlang sie wie ein hungriger Wolf. Sie verfütterte ihre Schnittchen an die Ameisen und fing an sich mit einem Baum zu unterhalten.

Der Baum blickte ihr tief in die Augen und sagte ihr eine großartige Zukunft voraus. Sie müsse nur die Katze finden, die große Zauberin,die würde ihr Leben total verändern. Das war genau was sie brauchte. Eine radikale und endgültige Veränderung.Sie aß noch ein paar Hagebutten, die ihr so gut taten und machte sich auf der Suche nach der Katze.

Übergroße Blumen blühten am Wegesrand. Sie blühten und glühten, so kam es Elenora vor und es war fast ein wenig zuviel auf einmal für sie. Von der fernsehsüchtigen verlassenen älteren Frau zu einer Art Alice im Wunderland, von dumpfen Sumpf zu traumhafter Lebendigkeit, vom Großmütterchen zur Pionierin. Leichtfüßig lief sie über die Wege , immer schneller und immer leichter wurde sie und sie hörte wundersame Melodien.Sie flog vorbei an Schlössern und Tempeln

Dann gelangte sie wieder in ein Waldstück. Da sah sie die Katze, die auf einem Ast saß und sie einfach so anstarrte.

„Hallo Katze, ich bin hier und du sollst mir helfen. „Die Katze erhob sich von dem Aste, murrte mürrisch und ging langsam ins Waldesinner . Sie drehte sich immer wieder um, um zu sehen ob die merkwürdige Frau ihr folgte. Das tat sie . Tiefer und tiefer gingen sie in den Wald hinein. Dann verschwand die Katze auf einmal und verwirrt setzte sich Elenora auf einen Baumstumpf. Sie schloss die Augen und schlief ein. Als sie wach wurde hatte sie Federn und war eine wunderhübsche Pfäuin. Sie lebte glücklich, nicht bis an ihr Lebensende, denn für Pfauen auf der Pfaueninsel gibt es kein Ende.

 Übrigens lief auch ihr Mann auf der Insel als Pfau herum, er hatte vor über 10 Jahren die gleiche Idee gehabt. Manchmal in ihrem unendlichen Pfauendasein liefen sie sich noch über den Weg. Und erkannten sich nicht.

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