Der geheime Garten

Es gibt einen geheimen Garten in Berlin. Er ist so geheim, daß man gar nicht weiß, daß er geheim ist. Die Leute gehen hinein und ahnen gar nichts von irgendwelchen Geheimnissen. Man denkt: Tolle Sache. Dann schlendert man möglichst interessiert herum und dankt dem Schicksal dafür in so einer fortschrittlichen Stadt zu leben. Wenn man dann auf den Tag zurückblickt, freut man sich nochmal darüber. Am nächsten Tag läuft man mit geschwellter Brust umher und denkt sich: Ich war da! Man schreibt sogar darüber in seinem digitalem Netzwerk und gibt an bei seinen Freunden, die nicht das Glück haben in so einer coolen Stadt zu leben. Und wenn sie dann noch neidvoll zurückschreiben, dann ist die ganze nächste Woche gerettet. Aber es kann auch ganz anders kommen. Man sollte nicht einfach so denken, daß das alles so harmlos ist . An manchen Tagen besitzt man eine besondere Gabe. An diesen Tagen kann man hinter die Fassade schauen . Man nennt es auch : das Magic Netzhaut Syndrom. Es öffnet sich ein Fenster und man erblickt Dinge, die man nie für möglich gehalten hätte. Auch das Gehör verändert sich. Während sich gerade neben einem zwei Leute über politische Wichtigkeiten austauschen , ab und zu die Stimme erheben, sich über gelungene Sätze im kulturellen Schlagabtausch freuen, und diese kleinen Eitelkeiten nur schlecht verstecken können, merkt man bei sich selber plötzlich eine Veränderung. Ein Schalter wurde angeknipst.

Aus den wichtigen Gesprächen neben einem, wird nur noch ein leises Gemurmel, wie Gemurmel im Nebel. Der Kopf wird plötzlich leicht, eine angenehme Wärme breitet sich aus und man fühlt sich wie ferngesteuert. Feenferngesteuert. Die Füße tragen einen in einer geheimen Reihenfolge von Schauplatz zu Schauplatz. Man sieht scheinbar leblose Dinge miteinander wispern. Man sieht es nicht nur, man hört es auch. Das Wispern der Stühle.

Man versucht es zu verstehen, swsssws shesch… wsspschsi… und dann plötzlich…schwschw..KÖNIG… schwischch. Hat man das gerade wirklich gehört? Zweifel sind in so einer Situation durchaus normal. Na ja, vielleicht hat man sich verhör…. Aber ehe man den Satz noch zu Ende gedacht hat, erblickt man ihn. Den Lotusblütenkönig, dem Herrscher der Elfen und Elefanten.

Er schwebt majestetisch durch den geheimen Garten, er streift vielleicht auch hier und da ein menschliches Wesen, die gar nichts davon mitbekommen, aber deren Leben sich nach dieser Berührung vielleicht für immer verändern wird. Man fragt sich, woher er so plötzlich aufgetaucht ist. Wie von selber bewegen sich die Augen auf jenen Ort. Der Ort an dem der König landete.

Magisch unspektakulär denkt man vielleicht, schämt sich aber sofort für seine eigene Überheblichkeit. Und dann wundert man sich, daß man sich über seine Überheblichkeit schämt. Aber nicht wundern, das ist nur ein Zeichen dafür, daß man sich in einem außergewöhnlichen Geisteszustand befindet.

Der König schwebt nun in seinen Palast.

Von dort aus dirigiert er sein Reich, denkt man naiv wie man ist. Man weiß nicht wie groß sein Reich ist, wenn man es nach dem Palast beurteilen würde, würde man lachen und sagen: Ach,der Elfenkönig ist ja ein bischen übertrieben, der ganze Hype um ihn. Aber Vorsicht. Sowas darf man nicht mal denken. Ist schon des öfteren vorgekommen, daß Besucher , die abfällige Gedanken über den König hatten, während ihres Aufenthaltes plötzlich verschwanden. Besser gesagt, ihre Menschengestalt verschwand und das frisch übers Internet verliebte Pärchen, daß eben noch über den Salat philosophierte , muß von nun an in einer ganz neuen Form existieren.

Vielleicht ist ihre Beziehung jetzt sogar inniger als vorher.

Oder vor 50 Jahren gingen 2 Teenager in den Garten und tranken dort heimlich Bier. So heimlich war es eigentlich nicht. Sie gingen in das Gartenrestaurant und setzten sich an einen Tisch.

Sie waren die einzigen Gäste an diesem Tag. In ihrem jugendlichen Übermut tranken sie ein wenig zuviel und fingen an die arme Barfrau anzupöbeln. ,,Alte Suppeköchin“, riefen sie, ,,beweg mal deinen Puddingarsch und bring uns noch ein kühles Blondes. „

Sie fühlten sich unbeobachtet, waren sie aber nicht. Schon damals gab es ein ausgezeichnet funktionierendes Überwachungssystem.

Der Lousblütenkönig wurde verständigt, er erschien den beiden, sie lachtes sich schlapp und verhöhnten ihn noch mehr als die Barfrau. Sie hatten keine Zeit mehr für Reue. Aus ihnen wurden Schilder.

Nicht mal schöne. Verwitterungsanfällige, morsche Dinger. Seitdem stehen sie da und verspotten sich gegenseitig. Leider sind beide taub, das wissen sie aber nicht. Aber diese ganzen furchtbaren Dinge müssen nicht passieren. Man sollte , sollte es zu dem Magic Netzhaut Syndrom kommen, es einfach genießen und sich fallen lassen. Dann wird man vielleicht obendrein noch mit einer Nacht im Greenhouse Palace belohnt.

Oder auch nicht.

Auf jeden Fall lohnt sich ein Besuch im geheimen Garten.

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